Die USA und Europa verbindet mehr, als sie je trennen könnte. Vor allem verbindet sie die Freiheit, jene Freiheit, die Ende des 18. Jahrhunderts triumphierte. Dafür steht drüben der 4. Juli 1776, der Tag der Unabhängigkeitserklärung und heutige Nationalfeiertag, und auf dieser Seite des Atlantiks der Quatorze Juillet, der 14. Juli 1789, als in Paris die Bastille fiel.

Es ist eine Geschichte, die sich in vielen Schicksalen spiegelt: Man mag an die Amerikaner Benjamin Franklin und Thomas Jefferson in Paris denken oder an den englischen Vordenker der Amerikanischen Revolution, Thomas Paine, an Polens Freiheitskämpfer Tadeusz Kościuszko, der auch in Amerika für die Republik focht (und schon damals für das Ende der Sklaverei) – oder an den berühmtesten "Helden zweier Welten", an Marie-Joseph Paul Yves Roch Gilbert du Motier, den Marquis de La Fayette.

Es ist vor allem Lafayette (wie er sich von 1790 an schrieb), der zur Symbolfigur eines in Freiheit mit Amerika verbundenen Europas wurde. Sein Leben zeigt aber auch, wie schwer der Kampf in der Alten Welt war. Die Radikalisierung der Revolution in Frankreich machte ihn zum Emigranten. Er geriet nach Deutschland, wo ihn das preußische und Habsburger Ancien Régime, hasserfüllt gegen alles Republikanische, kurzerhand einkerkerte. Doch er gab nie auf. Noch im hohen Alter, in der französischen Revolution von 1830, zog er wieder, ein letztes Mal voran.

Ein Unbeirrbarer. Ein Weltbürger von aristokratischem Stolz. Und tatsächlich wird der Mann, den der amerikanische Historiker Harlow Giles Unger 2002 in seiner Biografie einen "Pionier der individuellen Freiheit und religiösen Toleranz" nennt, einen "Vorkämpfer für die Gleichberechtigung der Geschlechter und die Abschaffung der Sklaverei", in einem Palast geboren, am 6. September 1757 auf Schloss Chavaniac in der Auvergne. Der Bürgerrechtler ist kein Bürger, sondern ein Spross des Hochadels. Schon früh berührt die Weltgeschichte sein Leben: In der Schlacht bei Minden 1759 tötet eine englische Kanonenkugel seinen Vater. Dieser Krieg, der Siebenjährige, verläuft desaströs für Frankreich, das Land wird vom britischen Rivalen gedemütigt, und das Kind Lafayette träumt von Rache – für Frankreich, für seinen Vater.

Die Zukunft des jungen Marquis ist vorgezeichnet. Bei den Schwarzen Musketieren in Versailles beginnt er als Unterleutnant seine Militärkarriere. In der Reitschule macht er die Bekanntschaft des Thronfolgers Ludwig und seiner Brüder. Alle drei sollten, vor und nach der Revolution, Frankreichs Thron besteigen (Ludwig XVI. 1774, Ludwig XVIII. 1814, Karl X. 1824) – alle drei gleich unbedeutende, glücklose Gestalten.

Als Lafayette 15 Jahre alt ist, wird eine Ehe arrangiert. Durch die Heirat mit der zwölfjährigen Adrienne tritt er in den Familienkreis des Herzogs von Noailles, eines noch reicheren, noch mächtigeren Adelsgeschlechts. Doch wird aus der Kinderehe mit den Jahren nicht nur eine tiefe Liebe, sondern auch eine politische Partnerschaft. Adrienne sollte ihren Mann bei seinem Kampf für la liberté gegen die Interessen ihrer eigenen Verwandtschaft, gegen ihren eigenen Stand unterstützen und in seinen dunkelsten Jahren sein Leiden, gar seine Gefängniszelle aus freiem Willen mit ihm teilen.

La liberté – dieses von der radikalen Aufklärung beschworene Ideal zieht Lafayette in den Bann. In seiner Freimaurerloge wird darüber diskutiert. Dort begegnet ihm ein Mann, dessen Schriften Lafayette geradezu verschlingt: der Abbé Guillaume Raynal. Er wettert gegen den Kolonialismus und fordert die Befreiung der Sklaven; seine späterhin so berühmte Geschichte beider Indien wird von der Kirche auf den Index gesetzt und vom König verboten, eine weitere Auflage öffentlich verbrannt. Raynal ist es denn auch, der einen Kontinent ausgemacht hat, wo die Freiheit eines Tages politische Wirklichkeit werden könnte: Nordamerika.

Von dort kommen elektrisierende Nachrichten. Die Untertanen der englischen Krone haben sich, zunächst in Boston, dann in anderen der 13 Kolonien, gegen König Georg III. erhoben. Einige sind bereits für die Freiheit gestorben, bei Lexington, bei Bunker Hill. Dann trifft in Europa die spektakuläre Kunde ein: Am 4.Juli 1776 haben sich die Kolonien völlig losgesagt.