Doch die Rechnung kann sehr schnell anders aufgehen. Denn das Masernvirus verbreitet sich so aggressiv, dass 95 Prozent der Bevölkerung geimpft sein müssen, um einen Ausbruch rasch zum Erliegen zu bringen. Die Krankheit ist bereits hoch ansteckend, bevor Menschen wissen, dass sie den Erreger verbreiten. 2009 exportierte ein vermeintlich gesunder Lkw-Fahrer die Masern aus Deutschland nach Bulgarien. Bilanz: 24.000 Erkrankte, 24 Tote.

Selbst eine komplikationslos überstandene Maserninfektion kann eine Zeitbombe sein. Im Frühjahr 1999 infizierten sich sechs Kinder im Wartezimmer eines deutschen Kinderarztes, darunter drei Säuglinge. Ein elfjähriger Junge, dessen Eltern Impfgegner waren, hatte die Krankheit übertragen. Ein infiziertes Mädchen starb 2011. Die Viren hatten über die Jahre hinweg sein Gehirn zerstört. Ein damals ebenfalls infizierter Junge starb im Juni dieses Jahres.

Angesichts der neuen Ausbrüche und Todesfälle werden politische Forderungen laut. FDP-Gesundheitsminister Daniel Bahr hat die Impfpflicht gegen Masern ins Gespräch gebracht. Das von der Verfassung garantierte Recht auf körperliche Selbstbestimmung wäre kein prinzipielles Hindernis: Bis 1983 gab es in Deutschland eine Impfpflicht gegen Pocken.

Von einer Pflichtimpfung gegen Masern raten Experten jedoch ab. Zu Recht: Diese Form von Zwangsfürsorge provoziert vermutlich nur noch mehr Verweigerung. Stattdessen ist weiterhin sachliche Aufklärung gefragt. Die müssen vor allem die Kinderärzte leisten: Sie sind es, die zaudernde Eltern ermutigen und unverbesserlichen Impfgegnern ins Gewissen reden sollten. Am besten wäre es, sie würden nicht nur die Kinder vor der gefährlichen Krankheit schützen – sondern gleich obendrein den Eltern die fehlende Spritze verabreichen.

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