Die seit Jahren geschlossene Dopplerhütte in Königsstetten

Zu sehen ist kaum jemand. Erst am Abend werden die Pendler aus der Stadt wiederkommen – über eine der fünf Durchzugsstraßen, die dem Ort ein gutes Überleben sichern. Baugrund ist heiß begehrt. Doch die gute Verkehrsanbindung hat auch ihren Preis. "Fünfzig Prozent vom Rehabschuss sind Kfz", sagt der Wirt, der zugleich Jagdleiter ist. Seinem Bruder Josef gehört die Metzgerei nebenan. "Als Kinder haben wir nach der Schule auf der Straße Fußball gespielt. Wenn du das heute machst, klebst du an einem Kühlergrill."

Auf der Fahrt nach Norden, in Richtung Tulln, ducken sich flache Häuser in die Landschaft, die Jalousien sind meist heruntergelassen. Stundenlang kann man durch Niederösterreich fahren, von Enzersfeld nach Sieghartskirchen, von Ollmern nach Königsstetten, auf den Routen, die Hader und Dorfer einst entlangstreunten, und man sieht idyllische Einfamilienhäuser, aufgelassene Postämter, kaum Geschäfte und Gasthäuser, die erst abends aufsperren oder seit Jahren leer stehen, wie die bei Bikern einst beliebte Dopplerhütte. Einzig das Giebelkreuz der Raiffeisenkasse prangt überall. Viele Gemeinden sind längst städtische Außenposten und untertags verwaist.

Die Wissenschaft spricht von einer neuen Urbanisierungswelle. Nach Angaben des Städtebundes und der Statistik Austria befinden sich etwa 65 Prozent der Bevölkerung und 71 Prozent der Arbeitsplätze in Österreichs Ballungsräumen: mehr als je zuvor.

Die Landeshauptstädte wuchsen zwischen 2001 und 2012 im Schnitt um 8,5 Prozent, Graz , Eisenstadt und Wien sogar um bis zu 17 Prozent. Die Speckgürtel legten noch deutlicher zu. Städte und Gemeinden in ländlichen und grenznahen Gebieten verbuchen hingegen teilweise dramatische Bevölkerungsrückgänge. Eisenerz verlor ein Viertel seiner Einwohner, Bad Radkersburg mehr als 17 und Raab an der Thaya über elf Prozent.

Dabei beneiden viele Staaten Österreich um seine kleinstädtische, föderale Struktur, durch die weite Teile des Landes gut angebunden sind und den Auswirkungen der Landflucht besser begegnet werden kann. Doch gleichzeitig versickern gut gemeinte, aus den Regionen kommende Ideen im komplizierten Förderdschungel zahlreicher politischer Instanzen. Während die Bauern nur noch zwei Prozent der Bevölkerung ausmachen, wird Politik für den ländlichen Raum immer noch oft mit Landwirtschaftspolitik gleichgesetzt.

Rezepte für einen Umgang mit dem Unvermeidlichen kennt indes niemand. Was braucht das Land, was die Stadt, während die Globalisierung an Fahrt gewinnt? Und wer soll die Fäden ziehen?

"Leider gab es hier bislang eine starke Segmentierung zwischen den politischen Zielen für die Agrar- und die Regionalpolitik", sagt Rudolf Giffinger , Professor am Department für Raumentwicklung der TU Wien. In Österreich selbst sei die Regionalpolitik zwar relativ erfolgreich gewesen, es stünden aber relativ wenige Mittel zur Verfügung, lediglich die EU verfüge über große Fördertöpfe. Die ohnehin schon ausgezehrten Regionen würden sich besonders schwertun, wieder Anschluss zu finden. Das sei ein Nachteil für den ländlichen Raum. Durchdachte Verkehrskonzepte und regionale Siedlungsplanungen vermisst er ebenfalls. Es sei "extrem riskant", alles auf das Auto auszurichten: "Wir brauchten aufeinander gut abgestimmte Verkehrssysteme und integrierte Ticketsysteme für ein sinnvolles Miteinander der Angebote. Wenn aber der Postbus den ÖBB die Kunden streitig macht und Nebenstrecken geschlossen werden, ist das eine Katastrophe." Bevölkerungswandel sei ganz normal. "Aber wir sollten über mehr Effizienz in der Siedlungsentwicklung nachdenken. Das heißt nicht, dass man bestimmte Räume aufgeben sollte, da sich immer wieder neue Potenziale finden lassen – sie müssen dann aber genutzt werden."

Mancherorts schwindet die Hoffnung. Es werde "einfach passieren", dass Siedlungsgebiete verschwinden, sagt Ernst Schöpf, ÖVP-Bürgermeister von Sölden und Chef des Tiroler Gemeindebundes. Egal, ob das politisch gewollt sei oder nicht: "Denn die Jugend geht und kommt nicht mehr zurück." Schon jetzt gibt es in Tirol Nebentäler, die verwaisen, Ortschaften in Nieder- und Oberösterreich sowie im Osten Salzburgs, die um jeden Einwohner kämpfen.

In der Obersteiermark sind jene Gebiete stark unter Druck geraten, die früher von Schwerindustrie geprägt waren. Vom einst stolzen Wirtschaftszweig ist wenig übrig; und von den Menschen, die davon lebten, vielerorts auch nicht. Besonders junge Frauen verlassen ihre Heimat. In manchen Gemeinden leben vierzig Prozent mehr junge Männer unter dreißig Jahren als Frauen.

Wenn man im Bezirk Bruck an der Mur die Städte hinter sich lässt und nach Norden fährt, wo ein bergiges Hochtal die Steiermark von Niederösterreich trennt, werden die Kurven immer enger – und es gibt mehr Schlaglöcher. Hier fahren zu wenige Autos, als dass die Straßenmeisterei mehr Budget für Ausbesserungen bekommen würde.

Die Gemeinde Gusswerk liegt verschlafen in der Sonne. Eine Post, ein Gendarmerieposten. Kaum Menschen auf der Straße. Und dann, nach dem Passieren der Passhöhe, ist es, als würde man in einem kleinen Vatikan gelandet sein. Vor der strahlenden Basilika von Mariazell flanieren Pilger in Wanderschuhen. Touristen klettern aus Reisebussen. Kleine Geschäfte und Hotels säumen den Platz. Doch die Besucher bringen nur zwischen Freitag und Sonntag Leben in den Ort. Und die Wallfahrersaison dauert von Mai bis Oktober. Ein trügerischer Trubel, denn Mariazell ist im Begriff, ein Potemkinsches Dorf zu werden. Es gibt eine Brauerei, aber kein Kino; vier praktische Ärzte, aber keinen Facharzt. Einen Frisör, ein Nachtlokal, aber keinen Metzger. Das Krankenhaus wird zur Pflegestation umgebaut, und das Hallenbad wurde geschlossen. 1500 Einwohner hat der Ort, vor zwanzig Jahren waren es um ein Drittel mehr.

"Mariazell verblödet", fürchtete der Schuldirektor und kämpfte dagegen an

Das Europeum sollte dem Ort als Kongresszentrum zu neuen Höhenflügen verhelfen. Bis zu 15 Millionen Euro sollen hineingesteckt worden sein. Noch bevor das Gebäude bezugsfertig war, galt das Prestigeobjekt als gescheitert. Es hatten sich keine Privatinvestoren eingefunden, um in neue Gästebetten zu investieren. Heute beherbergt der futuristische Bau eine Schaubäckerei, in der Lebkuchen produziert wird. Nach altbewährtem Rezept.

Im Büro des Bürgermeisters Josef Kuss füllen die Ordner zum Europeum ein ganzes Regal. Der ÖVP-Politiker und Fotografenmeister präsentiert sich polyglott, spricht von Weltpolitik, Globalisierung und Leopold Kohr (1909 bis 1994) – dem Salzburger Ökonom, der die Rückkehr zu kleinen Einheiten predigte. Doch das Millionendebakel hat Spuren hinterlassen.

"Jetzt haben wir ausgespetzelt", sagt Kuss mit Blick auf die Landespolitik. "Die Grazer glauben, wir seien schuld an dem Desaster." Neue Projekte auf die Beine zu stellen sei nun schwer. Und von der Basilika, der großen Nährmutter, profitiere hauptsächlich das Stift St. Lamprecht.