Wie kann diese Rechnung jemals aufgehen? Eine wachsende Zahl von Menschen soll auf den begrenzten Ackerflächen des Planeten mit Nahrung versorgt werden. Die Landwirtschaft soll ihre Emission von Treibhausgasen senken. Die Bauern sollen bedrohte Böden und seltene Arten schützen. Als wäre das der Herausforderungen noch nicht genug, soll der Acker zusätzlich zur Nahrung auch noch Rohstoffe liefern – und nachwachsende Energie.

Eine politische Gleichung zu formulieren, in der all diese Parameter berücksichtigt sind und die unterm Strich ein positives Ergebnis hat, dafür sind in Deutschland gleich fünf Ministerien verantwortlich. Lange Zeit haben sie versucht, das weite Feld unter sich aufzuteilen. Jetzt haben sich die Ressorts Forschung, Umwelt, Landwirtschaft, Wirtschaft und Entwicklung zusammengetan, um eine gemeinsame Politikstrategie zu entwickeln. Am Mittwoch haben sie ihre Ideen vorgestellt.

Entstanden ist ein fast 60-seitiges Papier. Von A wie Artenschutz bis Z wie Zertifizierung macht es vor allem deutlich, wie unübersichtlich und vielgestaltig die Bioökonomie ist. Und damit sie bei allen verteilten Zuständigkeiten das gemeinsame Ziel nicht wieder aus den Augen verlieren, formulieren die Politiker gleich im Einstiegskapitel, was sie heute unter einer "nachhaltigen" und "wissensbasierten" Bioökonomie verstehen: Die Ernährung der Menschheit hat Vorrang vor allen anderen Zielen. Rohstoffe und Energie können stärker als bisher einer intelligenten Nutzungskaskade entspringen, sprich aus der Verwertung von Resten (Stroh) oder Abfällen (Kompost). Eine nachhaltige Bioökonomie braucht gut finanzierte Forschung und gut ausgebildete Fachkräfte, Kooperation statt Konkurrenz. Nachhaltigkeit bedeutet nicht nur Umwelt-, Natur-, Verbraucher- und Tierschutz, sondern auch die Einhaltung sozialer Standards. Und das nicht nur hierzulande.

Ein Bekenntnis ist besonders eindeutig: Vom Acker muss der Weg zuerst auf den Teller führen. Erst wenn die Menschen nicht mehr nach Nahrung hungern, darf auch ihr Energiehunger aus Biomasse gestillt werden. Eine Selbstverständlichkeit? Nein, darin steckt Sprengstoff. Die Ministerien wollen in seltener Einigkeit die problematischen Anreize der gesetzlichen Förderungen überprüfen und stärker auf eine neue Generation von Biokraftstoffen bauen, die aus Agrarabfällen gewonnen werden könnte – statt aus Essbarem.

Die "Politikstrategie Bioökonomie" setzt auf Qualifikation und Innovation. Wenn pflanzliche Inhaltsstoffe in der Chemie- und Pharmaindustrie fossile Rohstoffe ersetzen sollen, ist der Forschungsbedarf immens. Aber das Potenzial ist ebenso groß. Auch im konventionellen Ackerbau können und müssen Pflanzenzüchtung und die Erforschung neuer Anbaumethoden die Ernten weltweit weiterhin steigern.

Nachhaltigkeit und Innovation sind kein Widerspruch – das lehrt die neue Strategie. Jetzt müssen die beteiligten Ministerien lernen, wie man den gemeinsam angelegten Acker am besten bestellt.