Die Frauen sind die Verliererinnen der Arabellion. Der schlimmste Fall ist Ägypten. Zweieinhalb Jahre nach dem Sturz Mubaraks ist der Kairoer Tahrir-Platz, das Epizentrum der Revolution, nach Einbruch der Dunkelheit eine Tabuzone für Frauen. Dabei waren sie es, die während der Revolution in den vorderen Reihen standen, die ihr Leben für die Freiheit riskiert hatten.

Als "Todeskreis" bezeichnet Dina Sakaria, eine bekannte ägyptische Fernsehmoderatorin, heute den Tahrir-Platz. Sie hat kürzlich miterlebt, wie eine niederländische Reporterin angegriffen wurde: "Sie rissen ihr die Kleider herunter, griffen ihr an die Brüste, zwischen die Beine."

Die Gewalt trifft alle Frauen, keineswegs nur Ägypterinnen. Die Opfer sind kleine Mädchen und betagte Großmütter, verschleierte oder modisch gekleidete Frauen. Verstörende Erlebnisse, auch für uns europäische und amerikanische Reporterinnen. Keine von uns traut sich in diesen Tagen mehr allein hinaus. Wer sich ins Getümmel der Proteste begibt, riskiert – vor allem abends–, begrabscht, vergewaltigt und sogar getötet zu werden.

Ich habe mich mit zwei Ägypterinnen verabredet, die ich bereits im Oktober interviewt hatte: Salma Hegab, die 22-jährige Studentin und Bloggerin, und Allaah Ibrahim, die 30-jährige IT-Spezialistin und eine der Sprecherinnen der Muslimbrüder. Eigentlich wollte ich mit ihnen über ihre unterschiedliche Sicht auf die Entwicklung des Landes sprechen. Doch die beiden haben viel miteinander gemeinsam.

Salma treffe ich zu Hause an. Seit einer Woche hat ihr Vater sie eingesperrt, aus Angst um sie. "Da draußen laufen Verbrecher herum, und die Polizei tut nichts, sie zu stoppen", sagt er. Darüber gab es Streit in der Familie, doch der Vater setzte sich unerbittlich durch. "Ich hätte nicht gedacht, dass es so weit kommen würde", sagt Salma mit verheulten Augen.

Schon vor neun Monaten hatte sie mir von der Bedrohung erzählt. Damals konnten wir uns noch abends im Al Bustan Café treffen, das in der Kairoer Innenstadt liegt. Salma, Studentin der amerikanischen Universität von Kairo, kleidet sich sehr konservativ: Kopftuch, langer, weiter Mantel. "Wenn ich über die Straße gehe, auch mit Freundinnen, dann höre ich oft von Männern, warum ziehst du dich so scheußlich an, wie wäre es mal mit ein paar sexy Klamotten, nimm dir ein Beispiel an den Europäerinnen!"

Auch Allaah hatte ich im Oktober noch abends getroffen, nach der Arbeit. Jetzt traut sie sich nicht mehr heraus aus ihrem Auto. Der Tahrir-Platz, auf dem auch sie gegen Mubarak demonstriert hatte, ist für sie gleich in zweifacher Hinsicht gefährlich: als Anhängerin der Muslimbrüder und als Frau.

Allein am 3. Juli, dem Tag, als die Armee Präsident Mursi stürzte, dokumentierte die Operation Anti-Sexual Harassment 77 Fälle von sexueller Gewalt gegen Frauen. Die Gruppe hatte sich im vergangenen November gebildet und ist eine von inzwischen zahlreichen Hilfsorganisationen, die Frauen in der Öffentlichkeit, vor allem aber auf dem Tahrir, zu schützen versuchen. Über Twitter verbreitet @opantsh Nachrichten über besonders gefährliche Orte, dokumentiert Vorfälle und gibt Notrufnummern weiter.

Die "tahrirbodyguards" haben ein ähnliches Anliegen. Ausgerüstet mit gelben Jacken und Schutzhelmen, gehen sie über den Tahrir und schreiten ein, wenn sie sehen, dass eine Frau angegriffen wird. "Wir bilden einen menschlichen Schutzring um das Opfer und versuchen es so schnell wie möglich herauszubringen", sagt Ayman Nagy, einer der Aktivisten. Anfang Juli wurden die Angriffe so brutal, dass Mitglieder der Gruppen selbst einige Male ihr Leben riskierten.