Als Michael Hüther am Mittwoch der vergangenen Woche vor die Berliner Presse trat, wusste er wahrscheinlich, dass er im Grunde nichts zu sagen hatte. Hüther, Direktor des Instituts der deutschen Wirtschaft, ist ein einflussreicher Wissenschaftler. Er arbeitete für das wichtigste ökonomische Beratergremium der Regierung – den Sachverständigenrat. Er forschte im Auftrag einer Frankfurter Bank. Er wurde sogar schon für den Posten des obersten Wirtschaftsberaters der Kanzlerin gehandelt. Hüthers Meinung zählt etwas. Bei Politikern, aber auch in den Medien.

An diesem Mittwoch stellt Hüther sein neuestes Werk vor: eine Analyse der Wahlprogramme der im Bundestag vertretenen Parteien. Michael Hüther und seine Mitarbeiter haben darin herausgearbeitet, welche wirtschaftlichen Folgen es hätte, wenn eine künftige Regierung die jeweiligen Ideen tatsächlich umsetzte.

Ihr Ergebnis: Es kommt darauf an.

Die von der SPD und den Grünen geplanten Steuererhöhungen zum Beispiel wären eine Belastung für Bürger und Unternehmen – zunächst einmal. Weil aber das eingenommene Geld wieder für Investitionen ausgegeben werden soll, würde gleichzeitig die Wirtschaft auch stimuliert. Was bleibt da unterm Strich? Das lasse sich nur schwer beziffern. Eine "umfassende Abschätzung der Wachstums- und Beschäftigungseffekte" habe man deshalb nicht vorlegen können. So steht es in der Studie.

Michael Hüther könnte also sagen, dass das alles nicht so einfach sei mit der Wahl und der Wirtschaft. Darüber spricht er aber nur am Rande. Stattdessen präsentiert er eine Tabelle, aus der hervorgeht, dass 300.000 Jobs in Gefahr wären, wenn Rot-Grün die Regierung übernähme. Das kann man aber nur behaupten, wenn man die möglichen positiven Wirkungen der Investitionen schlicht ausklammert – und allein die Steuererhöhungen betrachtet.

Man könnte die Studie daher als schlechten Scherz abtun, doch würde das ihrer Bedeutung nicht gerecht. Denn die Botschaft kommt an. Wahlversprechen bedrohen viele Arbeitsplätze, schreibt die FAZ am nächsten Tag. Wirtschaftsexperten warnen vor Plänen der Linken, Grünen und SPD, titelt der Focus. Es sind solche Überschriften, die im Gedächtnis der Wähler haften bleiben – und die deshalb auch über den Ausgang der Wahl entscheiden können.

Denn gerade in diesem Wahlkampf, in dem es weniger ums große Ganze als um viele kleinere Einzelmaßnahmen geht, ist die Rolle der Wissenschaftler so wichtig wie nie. Was die Parteien bei Gesundheit, Rente oder Pflege genau vorhaben, ist viel zu kompliziert, als dass es die Wähler gleich nachvollziehen könnten. Aus dieser Überforderung speist sich der Einfluss der Wissenschaftler – als vermeintlich objektive Politik-Erklärer.

Ob Betreuungsgeld, Vermögensabgabe oder Bürgerversicherung – immer gibt es Gremien, Wissenschaftler und Institute, die die Vorschläge der Parteien anhand vermeintlich objektiver Maßstäbe bewerten. Eine moderne Gesellschaft braucht diese Art der Orientierungshilfe, um die Informationsflut zu bewältigen. Schwierig wird es aber, wenn es nicht mehr darum geht, Politik zu erklären, sondern selbst Politik zu machen.