Gut so: Das Bundesarbeitsgericht hat dem Einsatz von Leiharbeitern gerade engere Grenzen gesetzt. Die IG Metall ist begeistert: Das Urteil sei "ein Paukenschlag".

Wie bitte? Die Arbeitsrichter untersagten einem Arbeitgeber lediglich, eine Leiharbeiterin auf unbestimmte Zeit zu beschäftigen. Das Gesetz erlaubt hingegen nur einen vorübergehenden Einsatz. Bemerkenswert an dem Fall ist vor allem, dass ein Arbeitgeber glaubt, so dreist agieren und eine Leiharbeiterin als Ersatz für eine regulär Beschäftigte einsetzen zu dürfen. Bemerkenswert ist aber auch, dass die IG Metall bereits einen Fortschritt darin sieht, wenn Richter einen solchen Gesetzesbruch stoppen. Ihr eigentliches Ziel, gleiches Geld für gleiche Arbeit, liegt nach wie vor in weiter Ferne.

Das Urteil zeigt, wie sehr manche Arbeitgeber die von der ehemaligen rot-grünen Regierung vor gut zehn Jahren gestartete Deregulierung des Arbeitsmarktes ausnutzen. Doch außer routinierter Krittelei war von der Industrie- gewerkschaft lange Zeit in Sachen Leiharbeiter nichts Aufrüttelndes zu vernehmen. Und das, obwohl diese umstrittene Form der Arbeit selbst bei renommierten Konzernen anzutreffen ist, bei denen die IG Metall stark organisiert und mächtig ist. Erst neuerdings machen die Metaller verstärkt Front gegen den großzügigen Einsatz der ausgeliehenen Kollegen. Immerhin: Für eine bessere Bezahlung sorgten sie bereits.

Die jahrelange Zurückhaltung mag ihren Grund darin haben, dass Leiharbeitskräfte den Betrieben enorme Effizienzgewinne bringen. Dadurch sichern sie auch so manchen Arbeitsplatz der Stammbelegschaft, lautet das Argument der Arbeitgeber. Dem mögen viele Betriebsräte als Vertreter der Festangestellten offenbar nicht zu laut widersprechen.

Unumstritten ist: Leiharbeit hat mehr Menschen Arbeit verschafft. Aber um welchen Preis? Das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung hat herausgefunden, dass etwa die Hälfte der flexiblen Jobs auf Kosten regulärer Beschäftigung geht. Dabei sollte Leiharbeit ursprünglich nur bei der Bewältigung von Auftragsspitzen helfen. Doch sie wurde zum Instrument, um im normalen Arbeitsbetrieb die Kosten zu drücken.

Die Flexibilisierung des Arbeitsmarktes war für die Unternehmen von großem Vorteil. Anstatt die neue Freiheit verantwortlich zu nutzen, begaben sich viele in einen zweifelhaften Wettbewerb: Wer am dreistesten vorgeht, profitiert am meisten. Das zwingt Arbeitgeber dazu, die Grenzen des Erlaubten auszuloten – auch jene, die eigentlich auf die Motivation und Loyalität ihrer Mitarbeiter setzen. Diese Eigenschaften gehen verloren, wenn eine Belegschaft in zwei Klassen zerfällt. Der eine Teil gehört nicht dazu, der andere fürchtet, aussortiert zu werden. Weitsichtige Unternehmenslenker wissen, dass ein solches Klima ihren Unternehmen auf Dauer mehr schadet als nutzt. Sie sehen sich trotzdem oft gezwungen mitzuziehen, eben weil andere es auch tun.

Inzwischen gibt es sogar eine dritte Klasse mies bezahlter Arbeitnehmer mit wenigen Rechten. Es sind jene, die über sogenannte Werkverträge in die Unternehmen kommen, also über Fremdfirmen, an die Arbeiten ausgelagert werden. Sie sind unter anderem am Bau, in Schlachthöfen und inzwischen auch im Einzelhandel anzutreffen, wo sie etwa Regale einräumen. Diese Praxis ist legal, macht es aber möglich, Tarifverträge zu unterlaufen und Lohndumping zu betreiben. Zudem entsteht ein System der Verantwortungslosigkeit. Nach Fehlern und Skandalen will es niemand gewesen sein. In der Kette der Subunternehmen schiebt es einer auf den anderen. Das alles prangert inzwischen auch die IG Metall an. Reichlich spät, wie ihre eigenen Zahlen zeigen: Danach ist bereits ein Viertel aller Metall-Mitarbeiter über einen Werkvertrag beschäftigt.

Gleichgültig, ob verliehen oder weitergereicht: Für die meisten Betroffenen bedeuten diese Formen der Arbeit Unsicherheit und bisweilen Existenznot. Sie sind nicht die Einzigen, die sich vom viel gepriesenen Jobwunder ausgeschlossen fühlen. Hinzu kommen Niedriglöhner und Minijobber, die eigentlich mehr arbeiten wollen. Es ist höchste Zeit, dass nicht nur Richter, sondern auch die Gesetzgeber derlei Verwerfungen auf dem Arbeitsmarkt stoppen.