Wenige Tage vor dem wichtigsten familienpolitischen Termin des Jahres streiten das zuständige Ministerium und das Statistische Bundesamt darüber, was genau am 1. August passiert. Von diesem Tag an gilt der Rechtsanspruch für Kleinkinder auf einen öffentlichen Betreuungsplatz. Wird es dann teure Klagen, frustrierte Eltern und resignierte Bürgermeister geben? Die Familienministerin sagt Nein, die Statistiker sagen Ja. Beide haben unterschiedliche Quellen.

In knapp zwei Wochen ist der Streit entschieden, vorläufig lehrt er vor allem eines: dass es in Deutschland eben doch kein streng geplantes staatliches Betreuungssystem gibt, auch wenn manche Kritiker das Gegenteil behaupten. Sie warnen vor "Planwirtschaft" in der Familienpolitik (Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung) und vor einer "Verstaatlichung der Familie" (Exminister Norbert Blüm).

Doch hätten wir tatsächlich eine straffe Planung in diesem Bereich, dann lägen Zahlen über Angebot und Nachfrage vor. Und Forscher würden nicht bemängeln, dass man zu wenig darüber wisse, wie gut oder wie schlecht die Betreuung in den Kitas tatsächlich funktioniert. Gerade hat ein Team renommierter Wissenschaftler das in einer großen Studie herausgearbeitet.

Hinzu kommt: Selbst wenn die Regierung ihre Betreuungsziele problemlos erreicht – jedes zweite Kleinkind unter drei Jahren wird keine öffentliche Einrichtung besuchen, weil seine Eltern das nicht wollen. In Großstädten ist der Bedarf an öffentlicher Kleinkind-Betreuung größer als auf dem Land, im Norden ist er höher als im Süden. Insgesamt gesehen, will aber nur eine Minderheit der Eltern ihre Kleinen abgeben. Erst wenn die Kinder älter sind, wächst das Interesse an Betreuungsplätzen.

Aber auch dieses Angebot ist bunt: Es gibt nicht nur kirchliche und staatliche Einrichtungen für Kitakinder, sondern auch vielerlei Elterninitiativen – und es gibt unterschiedliche pädagogische Konzepte. Einige Kitakinder aus Berlin fahren täglich im Bus zum Spielen in den Wald, andere lernen in der Tagesstätte der Staatsoper alles über Musikinstrumente.

Planwirtschaft? Im Gegenteil! Es gibt zu wenig Plätze und zu wenig Personal für alle Kinder, die Betreuung brauchen. Das ist das Problem. Was angeboten wird, ist vielfältig – und passt damit gut zu den Bedürfnissen der Familien.