Allerdings dauerte es noch Jahre, bis sich das Mittel international durchsetzte. Das lag auch daran, dass sich die Pharmaindustrie nicht für Lithium interessierte, sondern andere, teure Medikamente in den Markt drückte. Mit Lithium ließen sich keine Geschäfte machen, weil es in der Natur vorkommt, also preiswert ist und nicht patentierbar.

An der kommerziellen Potenz einer anderen Zufallsentdeckung kann hingegen kein Zweifel bestehen: Die Substanz kostete bis vor wenigen Wochen in Deutschland 10,30 Euro pro Tablette, wird in mehr als 120 Ländern weltweit vermarktet und gehört mit mehr als 1,8 Milliarden verschriebenen Tabletten zu den meistverordneten Medikamenten überhaupt. Sie bescherte ihrem Hersteller, dem (einst von einem Pfälzer Achtundvierziger gegründeten) US-Pharmariesen Pfizer, allein im vergangenen Jahr zwei Milliarden Dollar Umsatz. Die Rede ist von Sildenafil, besser bekannt unter dem Handelsnamen Viagra.

Sildenafil wurde ursprünglich als ein Mittel gegen die koronare Herzerkrankung entwickelt. Die Forscher hofften, der Wirkstoff könne die Gefäße im Herzen entspannen und so die Beschwerden der Angina Pectoris lindern. Doch die Studien verliefen ziemlich enttäuschend. Manch männlicher Proband war trotzdem entzückt, weil ihm Sildenafil vermehrt zu Erektionen verhalf. Viele Männer wollten die restlichen Medikamente deshalb nach Studienende gar nicht mehr herausgeben. Unbekannte brachen sogar in ein Sildenafil-Labor ein, um sich den magischen Stoff zu beschaffen.

Pfizer testete daraufhin Sildenafil gegen Erektionsstörungen. Noch in der Erprobungsphase erhielt man Hunderte von Dankesbriefen beglückter Probanden. 1998 wurde Viagra in den USA und Europa zugelassen. Seither bekamen allein in Deutschland mehr als eine Million Männer das Mittel verordnet.

Während Viagra den Pfizer-Forschern quasi in den Schoß fiel, mussten andere Wissenschaftler für ihre Entdeckungen zäh kämpfen. Als die Australier Robin Warren und Barry Marshall 2005 den Medizin-Nobelpreis erhielten, hatten sie ein Vierteljahrhundert Forschung hinter sich und Zeiten, da die beiden für verrückt erklärt wurden.

Die Geschichte begann am 11. Juni 1979. Bei einer Routineuntersuchung im Labor fiel Robin Warren etwas Ungewöhnliches auf: Auf einer Gewebeprobe von einem Magengeschwür entdeckte er eine bläuliche Linie, die "etwas komisch aussah". Als er die Linie unter stärkerer Vergrößerung anschaute, stellte er fest, dass sie aus Bakterien bestand. Bakterien in Magengewebe? Das galt damals als ausgeschlossen, man glaubte, die Magensäure töte jeden Erreger ab.

Warren hatte eine einsame Entdeckung gemacht. Während der ersten zwei Jahre nahm nur seine Frau ihn ernst. Sein Chef war nicht mal in der Lage, die bläuliche Linie zu sehen, was Warren anstachelte, ein neues Färbemittel zu finden, das die Bakterien noch deutlicher hervortreten ließ. Er begann außerdem, archivierte Proben von Magengewebe zu sichten. Auf 30 Prozent der Proben fand er das noch unbekannte Bakterium.

Von den Kollegen konnte Warren nicht viel Unterstützung erwarten, weil seine Erkenntnisse der Schulmeinung widersprachen: "Es war ein Bakterium, von dem sie 'wussten', dass es [dort] nicht existieren konnte, und es löste eine Krankheit aus, von der sie 'wussten', dass sie eine andere Ursache hatte", erinnert er sich. Man glaubte seinerzeit, dass Magengeschwüre durch Stress ausgelöst würden: "Es war, als hielte man die Erde immer noch für eine Scheibe."

1981 fand Warren einen Mitstreiter, den jungen Mediziner Barry Marshall, der auf der Suche nach einem wissenschaftlichen Projekt war. Marshall sei der Erste gewesen, der sich ernsthaft für seine Arbeit interessierte, sagt Warren. Der Kollege initiierte eine Studie mit 100 Patienten und entdeckte, dass Bakterieninfektionen häufig mit Magenschleimhautentzündungen und Geschwüren einhergingen. Es gelang Marshall, eine Gewebekultur des Magenbakteriums anzulegen, was nicht einfach war, weil es sehr langsam wuchs. Erst nach zeitaufwendigen Analysen war klar: Es handelte sich um eine noch unbekannte Bakterienart, sie bekam den Namen Helicobacter pylori.

Zum Beweis schluckt Marshall frische Helicobacter-Bakterien

Die Fachwelt allerdings hielt zunächst an ihren Dogmen fest. Bei einem Treffen der Australischen Gastroenterologischen Gesellschaft durften Warren und Marshall nicht vortragen. Eine Veröffentlichung in der Medizinerzeitschrift The Lancet stieß auf hinhaltende Skepsis. Denn Helicobacter pylori führt nur bei einem Teil der Infizierten zu einem Magengeschwür; die Experten glaubten nicht, dass der Keim die Magenerkrankungen tatsächlich verursachte. Da griff Marshall zu einem heroischen Mittel. Im Juli 1984 schluckte er frische Helicobacter-Bakterien. In den folgenden Tagen begann sein Bauch zu grummeln, und er musste sich ständig übergeben. Mehr als eine Woche lang war Marshall so krank, dass an Schlaf kaum zu denken war. Dann ließ er dokumentieren, dass er unter einer Magenschleimhautentzündung litt, und kurierte sich mit einem Antibiotikum.

"Zufall nützt nur dem darauf vorbereiteten Verstand." Was mit diesem Ausspruch des berühmten französischen Chemikers Louis Pasteur gemeint ist, wissen Warren und Marshall nur zu gut. Aber der Zufall muss auch eine Chance bekommen, sich zu zeigen. Wenn Pharmahersteller ihre Forschungsziele zu eng definierten, immer auf der Suche nach dem schnellen kommerziellen Erfolg, könne das nicht gelingen, sagt der Pharmakologe Mühlbauer. Die Grundlagenforschung sei zu sehr vernachlässigt worden: "Sie gilt als unkalkulierbares Kostenrisiko." Woher sollen dann aber die dringend benötigten Medikamente für Krankheiten wie Multiple Sklerose, Alzheimer oder Parkinson kommen? Die CEOs von Pharmafirmen denken in Zyklen von vier Jahren, so lange, wie ihre Verträge laufen. Es reiche aber nicht aus, nur Projekte zu fördern, die innerhalb von drei oder vier Jahren Erfolg versprächen, sagt Mühlbauer. "Innovative Forschungsprojekte dauern länger, mitunter zwölf und mehr Jahre."

Ein guter erster Schritt wäre vermutlich, wenn die Firmen ihre Ressourcen nicht mehr für überflüssige Nachahmer-Medikamente verschleuderten. Und vielleicht sollten sie sich auch einmal mit der Geschichte bedeutender Entdeckungen beschäftigen, mit der Gunst des Zufalls und der Kunst, sie zu nutzen.