Wir schreiben das Jahr 106 nach der Apokalypse. Der Ziegenhirte Zachary alias Tom Hanks flieht in panischer Angst durch den Busch vor dem Angriff der menschenfressenden Kona, deren Gesichter als dämonische Totenschädel geschminkt sind. Weit weg ist das von uns, in einer fernen Zukunft und einem fremden Raum – aber die Bäume dieses Gehölzes kommen einem merkwürdig vertraut vor. Solche Erlen, Weiden und Birken gibt es auch hier, wo der Boden ein wenig feucht ist. Findet dieses Fantasy-Handgemenge etwa in einem hiesigen Wäldchen statt?

Der Eindruck täuscht nicht. Cloud Atlas, dieser mit 100 Millionen Dollar teuerste Independent-Film aller Zeiten, wurde, außer auf Mallorca, in Hongkong und Singapur, auch in der Sächsischen Schweiz gedreht. Wie ein Traum, befand der Regisseur Tom Tykwer, komme ihm diese Gegend vor. Tykwer und seine Crew waren beileibe nicht die Einzigen, denen es so erging. Auch für die Inglourious Basterds war die Sächsische Schweiz offenbar der genau richtige Hintergrund. Diesmal nicht als exotischer Dschungel, sondern als herbstliches Waldland im Frankreich des Zweiten Weltkriegs. Wie geschaffen, um deutschen Truppen aufzulauern.

Als Landschaft kann man die Sächsische Schweiz eigentlich nicht recht ernst nehmen; sie wirkt mit ihren Waldschluchten und Sandsteinschroffen zwar theatralisch, aber bei alledem bleibt dieser kleinste aller deutschen Nationalparks, dieses Lummerland unter den Mittelgebirgen, so spielzeugartig, so – kulissenhaft. Wunderbar! Genau dies empfiehlt sie für den Film. Mehr als die paar Meter, die man nachher auf der Leinwand sieht, braucht ja gar nicht da zu sein.

Und für den, der in globalen Dimensionen denkt, liegt die Sächsische Schweiz nur einen Katzensprung von Babelsberg entfernt; sie musste den Location Scouts ins Auge fallen. Die Babelsberger Studios in Potsdam haben in den vergangenen Jahren einen ganz erheblichen Teil der internationalen Filmproduktionen an sich gezogen. Hier steht alle benötigte Infrastruktur zur Verfügung, kostet aber nicht so viel wie in Kalifornien oder im inzwischen vollends unerschwinglich gewordenen New York. Das nimmt Hollywood dankend zur Kenntnis; und auch die Menschen in Sachsen-Anhalt und Brandenburg und Sachsen sind entzückt, auf einmal im Zentrum internationaler Aufmerksamkeit zu stehen. Denn ihnen wird klar, dass die Welt sie nicht rückständig und provinziell findet, sondern als Bewohner eines malerischen und faszinierenden Landstrichs wahrnimmt. Der deutsche Osten ist gut für Hollywood; Hollywood ist gut für den deutschen Osten.

Nicht nur lässt sich hier billiger arbeiten als sonst wo; man kriegt auch noch Geld dazu. In keinem anderen Land existiert ein ähnlich ausdifferenziertes System der Filmförderung wie in der Bundesrepublik. Man muss allerdings die zersplitterten föderalen Strukturen durchschauen. Die Großproduktion Die Vermessung der Welt etwa erhielt Zuschüsse aus rund einem Dutzend verschiedener Töpfe, die Mitteldeutsche Medienförderung beteiligte sich genauso wie der Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien; außerdem gab es Hilfen von so ziemlich allen Einzelanstalten der ARD. Die Herstellung der Inglourious Basterds hat 70 Millionen Euro verschlungen; sieben Millionen davon wurden allein durch den Deutschen Filmförderfonds aufgebracht.

Mehr noch als die traumhaften Wälder sind es die ostdeutschen Städte, von denen sich der internationale Film in den Bann schlagen lässt. George Clooney war gerade in Naumburg, Merseburg und Halberstadt unterwegs, den drei alten Bischofssitzen, einem deutschen Publikum durch die Historie von Zaubersprüchen, Stifterfiguren und Würstchen erinnerlich – für ihn aber, der mit den Augen des Filmenden sieht, in ihrer Vorzeitlichkeit ganz präsent. Und es gibt Dutzende weiterer, filmisch ganz unverbrauchter Orte, die für ihn infrage kommen könnten, von Stadtroda bis Jüterbog.

Besonders aber ist natürlich Görlitz der Ort, an dem die Filmcrews sich inzwischen die Klinke in die Hand geben. Dass alle gerade diese Stadt so sehr lieben, lässt auch, aber nicht nur angenehme Rückschlüsse auf den heutigen Zustand Ostdeutschlands zu – oder über das Bild, das die Welt von Deutschland insgesamt hat.

Görlitz war seit dem Mittelalter immer ein prosperierender Ort gewesen. Im Zweiten Weltkrieg wurde er, wie so viele andere Städte auf dem Gebiet der nachmaligen DDR, von den alliierten Luftangriffen weitgehend verschont. So ging er unzerstört in den Sozialismus hinüber, und dieser tat für den Erhalt der historischen Bausubstanz – nichts. Jahrzehntelang verrottete diese östlichste deutsche Stadt ungestört vor sich hin. Wer Anfang der Neunziger hier mit dem Zug anlangte, am besten an einem Winter-Spätnachmittag, der erlebte eine Atmosphäre, die man nur als verwunschen bezeichnen kann: Alles stand noch, unbehelligt, aber das Leben schien merkwürdig zurückgewichen aus den Straßen und Plätzen. Die Straßenbeleuchtung fehlte weithin, auf den Bürgersteigen boten einzelne Stände Waren beim Licht kleiner Feuer feil. Eine Pension hatte sich im Erdgeschoss eines riesigen Stadthauses eingenistet, der Weg zu den Zimmern ging durch ein düster expressionistisches Treppenhaus von aberwitzig dreieckigem Grundriss. Die Leute schienen in dieser Stadt weniger zu wohnen als zu kampieren, wie Barbaren in einer eroberten Siedlung. Nur das Kaufhaus, das heute, im Jahr 2013, leer steht und um Verwendung bettelt, erstrahlte in überirdisch warmem Weihnachtsglanz.