Wie jedes Jahr wurde Frankreichs Nationalfeiertag auch an diesem 14. Juli mit multiplen Höhepunkten abgeschlossen: Um den Eiffelturm, der sich in der Stadt der Liebe stramm in den Himmel reckt, knallte und sprühte ein nicht enden wollendes Feuerwerk. Illuminiert wurde das Symbol in allen Regenbogenfarben.

"Provokation", schäumte ein ehemaliger Minister aus der Sarkozy-Truppe. Die Rechte vermutet ein Homo-Komplott: Bertrand Delanoë, der schwule Bürgermeister, habe bewusst die Farben der Schwulenbewegung gewählt. Der dementierte prompt. Der zuständige Künstler ergänzte, Delanoë habe lediglich einmal in die Gestaltung des Events eingegriffen, als er das allzu amerikanische Born in the USA von Bruce Springsteen zugunsten von Rockin’ in the Free World von Neil Young aus dem Musikprogramm strich.

Tja, und nun? Erregung ist schwer auszuhalten, wenn ihr der Gegenstand abhandenkommt. Also suchte sie sich ein anderes Ventil – und fand es.

Zu den Privilegien des Präsidenten gehört es, die Nation mit einer Version ihres offiziellen Symbols zu beschenken, der Marianne. Diesmal hatte François Hollande ein Motiv für die Standardbriefmarke auszuwählen. Leutselig, wie er nun mal ist, bat er eine Schulklasse um ihr Votum, und die favorisierte eine Zeichnung, für die Inna Schewtschenko Modell stand. So heißt die Gründerin der busenzeigenden Aktivistinnengruppe Femen; ihr hatte Frankreich kürzlich Asyl gewährt. Die Schüler wussten davon, Hollande wohl nicht, er folgte ihrer Entscheidung.

Wieder erzitterte Twitter. Die christlich-demokratische Partei forderte gar einen Boykott der Briefmarke.

Dabei ist darauf nichts zu sehen, was auch nur von Weitem an die Erkennungszeichen von Femen erinnern könnte – anders als etwa auf dem einschlägigen Revolutionsbild von Eugène Delacroix, Die Freiheit führt das Volk, das im Louvre prangt. Und hatte nicht Brigitte Bardot im Hippie-Jahr 1969 für eine Marianne-Büste posiert, die fortan in allen Rathäusern stand und die Kampfinstrumente der Feministinnen in später unerreichter Präzision vorzeigte? Aber solche Vernunftgründe richten nichts gegen die Energie aus, die da aus den Tiefen sprudelt. Frankreich ist gespalten, seit 1789, und zelebriert seine inneren Kämpfe erst recht lustvoll, wenn sie an der Sexfront geführt werden.