Café Einstein, Unter den Linden: elf Uhr. Ach, du alter Hochhuth. In den letzten Jahren ist der einst weltberühmte Dramatiker – Der Stellvertreter feiert heuer Fünfzigjähriges – vor allem wegen des lächerlichen Streits um die Theaterimmobilie Berliner Ensemble in der Zeitung gewesen (letzte Szene: BE-Inhaber Hochhuth kündigt BE-Intendant Peymann). Seit drei Jahrzehnten hat wohl niemand mehr behauptet, dass Hochhuth gut schreiben kann (es ist schon fies), dabei haut der 82-Jährige natürlich unentwegt neue Stücke und Bücher raus. Auf eine rührend unsmarte und selbstironische Art – Selbstironie ist das Letzte, was man diesem von der Kritik schwer Verletzten unterstellt – hatte Hochhuth am Telefon gefragt: "Wie kommen Sie denn auf mich?"

Streifenhemd, lila Krawatte, Seersucker-Jackett. Einmal Rühreier mit Kräutern, bitte. Er will natürlich gleich von ganz früher, am besten vom "Dritten Reich" erzählen. Hitler muss bei Hochhuth gleich im ersten Satz vorkommen. Warum denn Hitler? Auf noch mal selbstironische und sympathische Art thematisiert er seine im Alter schwindende Hirnkraft: "In vier Tagen weiß ich nicht mehr, dass wir beide hier gesessen haben, aber vom Dreikaiserjahr 1888 weiß ich alles. Ist das nicht schlimm?" Wie geht’s Hochhuths Hunger, seiner Lust auf einen Skandal? "Ich habe ja nie als Person einen Skandal ausgelöst, sondern immer nur durch meine Stücke."

NSA-Abhörskandal et cetera: Sind es dankbare Zeiten für einen politischen Autor? "Ich mag die Pointe, dass der todesmutige Amerikaner Snowden sich ausgerechnet in einem Flughafen in Russland versteckt." Hochhuth, der lange in Basel gelebt hat, ist Leser der Neuen Zürcher Zeitung, was ihm ein gewisses internationales Flair verleiht. Wäre die Merkel eine gute Heldin für ein Hochhuth-Drama? Merkel hat mit Hochhuth im selben Plattenbau in der Behrenstraße gewohnt. Trafen sie sich im Aufzug, hat sich nie eine besondere Szene ereignet.

Steinbrück hat gefordert, dass Deutschlands Intellektuelle sich mehr in den Wahlkampf einmischen. Kann er nicht mal laut etwas Großartiges sagen? Warum sitzt da immer nur der alte Grass auf dem Sofa? "Der Grass ist ein peinlicher Trittbrettfahrer", sagt der lustige Hochhuth. Jedes Foto mit Grass, das habe ihm einst Brandts Kanzleramts-Chef Horst Ehmke gesteckt, koste 50000 Wählerstimmen. So richtig merkt Hochhuth gerade nicht, dass es längst nicht mehr notwendig und auch nicht besonders cool ist, Grass blöd zu finden. Hat Deutschland eine Intellektuellen-Krise? Intellektuellen-Krise, jaja, Intellektuellen-Krise klingt gut. Hochhuth klingt weit über achtzig, wenn er sagt: "Wir leben ja in einer glückverdummten Epoche, weil wir seit siebzig Jahren Frieden und Wohlstand haben."

Der alte Hochhuth: Eine Legende sein ist halt einfach eine blöde Position. Er macht bei diesem Frühstück den Fehler, dass er zu engagiert über zu viele Themen redet (Banken, Euro-Krise, Papst, politisches Theater). So geht Aura verloren, die er, käme weniger aus ihm heraus, vielleicht hätte. Können wir die Öffentlichkeit nicht überraschen, indem er etwas Freundliches über seinen Lieblingsfeind Claus Peymann sagt? Hochhuth legt Wert auf die Feststellung, dass er dem BE-Intendanten nicht deshalb gekündigt habe, weil dieser seine Stücke nicht spiele: "Ich verdanke Peymann eines meiner besten Stücke, den Sommer 14."

Jetzt muss noch mal eine riesige Frage kommen: Wie geht es Hochhuths naturgemäß unerwiderter Liebe zu Marlene Dietrich? Nur eine kleine Irritation im Dramatikergesicht, dann schießt es aus ihm heraus: "Ich schreibe ja gerade ein Stück, in dem Marlene, Coco Chanel, Jackie O. und Picasso die Hauptrollen spielen." Ach, das wäre zu schön, wenn Hochhuths letztes Stück ein gutes wäre.