DIE ZEIT: Herr Bohrer, Sie sprechen dieses Jahr in Berlin-Plötzensee zum 20. Juli. 1944 waren Sie elf Jahre alt. Können Sie sich an den Tag erinnern?

Karl Heinz Bohrer: Ich kann mich sehr genau an diese späten Julitage 1944 erinnern. Die deutsche Bevölkerung war in einer Stimmung entweder ängstlicher Erwartung des Russensturms im Osten oder, jedenfalls viele, froher Hoffnung auf die Angelsachsen im Westen. Das Attentat wurde als etwas Unfassbares wahrgenommen, weil es nicht nur auf die Tötung Hitlers zielte, sondern ein Staatsstreich war mitten im Krieg. Die tiefe Feindseligkeit, die in vielen Bemerkungen auf der Straße zu spüren war, ist mir nicht entgangen. Andererseits erfuhr ich von meinen Eltern, dass sie das Attentat als einen Lichtstrahl in tiefer Finsternis empfanden. Obwohl das System zunächst versuchte, die Hinrichtung der Attentäter zu verheimlichen, erinnere ich mich, wie immer wieder darüber gesprochen wurde. Es hat mich sehr beschäftigt.

ZEIT: Waren die Verschwörer Einzelgänger, oder standen sie für ein bestimmtes Milieu?

Bohrer:Ulrich von Hassels Tagebücher sind ja unter dem Titel Das andere Deutschland erschienen. Da kommt natürlich sofort die Frage auf: Ist diese nachträgliche Qualifizierung der 20.-Juli-Verschwörer als ein "anderes Deutschland" berechtigt? Der Historiker Hans Mommsen bezweifelt das. Warum? So viele es auch gewesen und aus so vielen gesellschaftlichen Milieus sie auch gekommen sein mögen, waren sie doch Einzelgänger in ihrem jeweiligen Milieu und keineswegs repräsentativ. Das Pathos vom "anderen Deutschland", das bei Reden zum 20. Juli immer wieder beschworen wird, trifft es nicht. Ich muss Mommsen recht geben: Das waren ganz besondere, hoch qualifizierte, aber einsame Figuren.

ZEIT: Den Verschwörern wird häufig nachgesagt, sie seien selbst Nationalsozialisten gewesen und hätten sich zur Tat erst durchgerungen, als der Krieg nach Stalingrad absehbar verloren war.

Bohrer: Das ist eines der konventionellsten kritischen Argumente, die gegen die Männer des 20. Juli vorgebracht wurden, zuletzt von dem bedeutenden englischen Historiker Richard J. Evans. Es ist aber nachweisbar nicht wahr und eine bösartige In-Abrede-Stellung der Honneurs dieser Männer.

ZEIT: Für Dietrich Bonhoeffer war schon 1933 völlig klar, dass Hitler die Verkörperung des Bösen war. Das gilt so nicht für die 20.-Juli-Verschwörer.

Bohrer: Einige der Entschlossensten nahmen in den ersten vier Jahren die Gesetzlosigkeiten des Nationalsozialismus im Kontext einer, so sahen sie das wohl, konservativen Revolution wahr und setzten sie den Gesetzlosigkeiten des Bolschewismus gleich. Sie waren geprägt durch die Wahrnehmung eines europäischen revolutionären Zustands. Nur so kann man erklären, warum sie nicht spätestens bei den Grauenhaftigkeiten der Röhm-Affäre eingegriffen haben, obwohl sie es entsetzlich fanden. Aber schon vor 1938 haben selbst die entschieden Konservativen wie Moltke, Schulenburg, Trott zu Solz begriffen, welch eine moralische Provokation das Regime darstellte. Die "Reichskristallnacht" gab nur den letzten Anstoß zu der Einsicht, dass Hitler beziehungsweise das System beseitigt werden müsse. Aus von Hassels Tagebüchern geht hervor, dass man früh um die Ermordung der polnischen Intelligenz und die Judenerschießungen in Russland wusste und entsetzt war, in welch einen moralischen Abgrund man geraten war.

ZEIT: Waren die Verschwörer als Patrioten in einem Dilemma?

Bohrer: Da ist der Briefwechsel von Adam von Trott zu Solz mit seiner englischen Freundin Sheila Grant Duff hochinteressant. Der selbstverständliche Patriotismus, den Trott zu Solz mit allen Männern des 20. Juli teilte, ist von den Engländern nicht verstanden worden. Was hieß denn deutscher Patriotismus zu diesem Zeitpunkt? Er hieß die Ablehnung von Versailles. Versailles stand für den Verlust zentraler Gebiete des alten Landes Preußen. Hitlers Versailles-Demagogie war vermutlich das zentrale Motiv, warum einige der Verschwörer den Nationalsozialismus zu Anfang attraktiv haben finden können.