Zu Mittag gibt es für Gertrud Schmitz Bratfisch und Kartoffelpüree. Wenige Meter entfernt von dem Essenssaal des St. Paulus-Seniorenpflegeheims in Bonn-Endenich hat vor 157 Jahren Robert Schumann gespeist. Allerdings hatte der Komponist weniger Appetit als die 89-jährige Frau Schmitz, er war depressiv, verbrachte seine letzten Lebensjahre in einer Pflegeanstalt. Die einstige Anstalt – heute eine Kulturstätte mit Schumann-Museum, Bibliothek und Konzertsaal – liegt vis-à-vis dem Paulusheim inmitten einer prachtvollen Parkanlage. Hier wollte Gertrud Schmitz wie einst Robert Schumann bis ans Ende ihrer Tage leben.

Als sie vor einem Jahr stürzte und die Ärzte ihr einen Umzug in ein Altenheim nahelegten, hatte Frau Schmitz nur einen Wunsch: in Endenich zu bleiben, dem Ort, wo sie seit 60 Jahren zu Hause ist, wo ihre Tochter mit ihrer Familie heute noch wohnt. Doch nun wird Frau Schmitz ihr Zuhause, das ihr letztes sein sollte, verlassen müssen. Sie wird sich an eine neue Umgebung, an neue Pfleger, an neue Mitbewohner gewöhnen müssen. Denn das Paulusheim wird zum 31. Januar 2014 schließen – so hat es der katholische Alexianer-Orden, Eigentümer der Heimes und Mitglied der Caritas, beschlossen.

Einen "Sündenfall im Umgang mit alten Menschen", nennt Claus Fussek, Kenner der deutschen Pflegebranche und zugleich deren bekanntester Kritiker, das Vorgehen der Alexianer GmbH. Die will das 21.000 Quadratmeter große Grundstück des Paulushauses verkaufen und den Heimbetrieb nach Troisdorf verlagern, wo sie in Kürze eine neue Altenpflegestätte eröffnet. Ein Filetgrundstück im Herzen Bonns ist begehrt und dürfte einen hohen einstelligen Millionenbetrag wert sein. Das Pflegeheim soll schmucken Wohnungen weichen.

Andere Betreiber würden das Heim pachten, aber die Alexianer mauern

Die Gentrifizierung der Städte bedeutet oftmals auch die Vertreibung der Alten aus den Innenstadtlagen. Dabei ist das Paulusheim kein Einzelfall. So weiß Fussek von dem Pflegeheim eines Wohlfahrtsverbandes im Zentrum Hannovers, das an eine Immobilienfirma verkauft wurde, die dort nun Luxuswohnungen errichtet. Er erwartet, dass ein solches Schicksal künftig immer mehr Altenheimen in Stadtlage drohen könnte, weil sich mit Grundstücksverkäufen derzeit ein großer Reibach machen lasse. "Die Lebensbedingungen alter Menschen sind zum Spielball von Profitinteressen geworden", sagt er. Und in dem Geschäft mit der Pflege mischen vor allem die Wohlfahrtsverbände mit: Ihren Umsatz in marktnahen Branchen wie etwa der Alten- und Kinderbetreuung schätzt eine Studie der Deutschen Bank auf 38 Milliarden Euro.

Man fragt sich: Wenn selbst ein katholischer Orden die Gesetze des Marktes über das Gebot der Nächstenliebe stellt, welche Chance haben die Alten dann überhaupt noch auf ein Leben in Würde?

Ortlieb Fliedner ist groß und schlank, akkurat in Kleidung und Manieren. Er ist ein Mann, der auf die Eventualitäten des Lebens vorbereitet ist: In sein Haus hat der 70-Jährige vor Jahren einen Aufzug einbauen lassen, um auch dann noch in seinem Zuhause bleiben zu können, wenn seine Beine ihn einmal nicht mehr tragen sollten. Fliedner erfuhr aus der Zeitung, dass das Paulusheim, in dem seine demenzkranke Schwiegermutter lebte, geschlossen werden soll. Das war an einem Mittwochmorgen im März. Da fiel ihm das Schreiben ein, das er von der Paulusheim-Leitung erhalten hatte, die ihn zu einer Informationsveranstaltung am 18. März einlud. "Ich konnte nicht glauben, dass die Alexianer das Heim schließen wollen. Noch weniger konnte ich glauben, dass die Presse bereits Bescheid wusste, die Bewohner und wir Angehörigen aber nicht", erinnert sich Fliedner. Er beschloss, zu kämpfen, und gründete die Bürgerinitiative "Rettet das Paulusheim".

Ihm geht es nicht nur um das Schicksal der Endenicher Heimbewohner – er streitet auch für ein Pflegesystem, das alten Menschen am Ende ihres Lebens die Geborgenheit eines Zuhauses garantiert. Kaum eine Entscheidung ist so sehr von dem Gedanken eines "für immer" getragen wie die für ein Altenheim – deshalb will sich Fliedner nicht damit abfinden, dass ein Orden, der nach eigener Aussage "dem Beispiel Jesu Christi folgt" und sich den Menschen "mit besonderer Liebe" annimmt, die Alten zur Manövriermasse machen könne.

Der Weg in das Büro von Birgit Boy, der Geschäftsführerin der Alexianer GmbH, führt vorbei an einem lebensgroßen Christus am Kreuz. Den Anschein christlicher Nächstenliebe zu wahren, darum ist Boy bemüht, wenn sie auf das Paulusheim angesprochen wird: Die Schließung und Betriebsverlagerung sei vor allem im Interesse der Bewohner und des Personals. "Für Schwerstpflegebedürftige und Demenzkranke ist das Paulusheim mit seinen langen Gängen, verwinkelten Fluren, vier Treppenhäusern und der großen Parkanlage nicht geeignet", sagt sie. Demente Bewohner würden sich in dem verwinkelten Gebäude verirren, landeten manchmal draußen auf der Straße und gefährdeten sich so selbst. Besonders brisant sei die Situation nachts, wenn nur wenig Personal im Haus sei.