DIE ZEIT: Herr Schmidt, die Bundeskanzlerin will durch eine neue, gezielte Industriepolitik den amerikanischen Internetfirmen stärker als bisher Paroli bieten. Wie groß sind die Chancen, auf diese Weise tatsächlich einen europäischen Facebook- oder Google-Konzern hervorzubringen?

Christoph Schmidt: Ich habe da meine Zweifel. Keiner weiß doch, welche Idee zum nächsten Erfolg à la Facebook oder Google führt. Keiner kennt die Sieger von morgen. Eine gute Idee allein reicht nicht, sie muss sich am Markt durchsetzen. Das kann man aber nicht planen. Deshalb sehe ich alle Überlegungen, durch gezielte Politik einen neuen industrial champion hervorzubringen, immer mit sehr großer Skepsis.

ZEIT: Die Bundeskanzlerin hat in einem Interview ausdrücklich Airbus als Vorbild genannt – einen Fall also, in dem Regierungen gezielt mit massiven staatlichen Subventionen einen Wettbewerber zum amerikanischen Boeing-Konzern aufgebaut haben. Was muss passieren, damit sich so ein Erfolg wiederholt?

Schmidt: Ich glaube zumindest nicht, dass sich diese Erfolgsgeschichte einfach kopieren lässt. In der Forschungspolitik kommt es oft eher darauf an, im richtigen Bereich und im richtigen Moment loslassen zu können. Kreativität und Risikobereitschaft entfalten sich am besten, wenn Menschen sich frei bewegen können. Mit einer guten Ausstattung der Forschungseinrichtungen und einer Wettbewerbspolitik, die kleinen innovativen Unternehmen genug Raum verschafft, kommt man schon sehr weit. Außerdem ist es richtig, europäische Initiativen zusammenzuführen.

ZEIT: Also soll die Politik nur Rahmenbedingungen schaffen?

Schmidt: Nein, sie soll schon auch Anstöße geben – aber richtig.

ZEIT: Was ist richtig?

Schmidt: Sie sollte bei der Suche nach Feldern behilflich sein, bei denen erstens der erwartete Markt groß ist und sich zweitens die Konkurrenz noch nicht festgesetzt hat. Wenn Deutschland plötzlich zum Star der Unterhaltungselektronik werden wollte, müsste man sagen: Sorry, ihr kommt zu spät. Auch bei der Internetinfrastruktur ist der Vorsprung der Amerikaner sehr groß. Außerdem muss sich eine Regierung fragen, wo sie mit ihrem Geld tatsächlich etwas bewirken kann, weil dort der Markt nicht funktioniert.

ZEIT: Und in dem Fall soll der Staat ganz gezielt Subventionen zahlen, wie bei Airbus?

Schmidt: Ja, dann sollte er punktuell und gezielt fördern, und zwar kräftig, nach dem Motto: Lieber wenige großzügig unterstützen als viele ein wenig. Das kann beispielsweise dann der Fall sein, wenn die Investitionsrisiken so groß sind, dass kein einzelnes Unternehmen sie stemmen kann.

ZEIT: Heißt das, im Moment verzetteln sich die europäischen Forschungspolitiker?

Schmidt: Nein, eigentlich funktioniert die Spitzenförderung in dieser Hinsicht in Europa ganz gut. Ich beobachte aber mit Skepsis, dass ein Versagen des Marktes oft behauptet, aber nicht bewiesen wird. Oft ist der Staat doch gar nicht gefordert. Außerdem ist es wichtig, dass die Politik Ziele definiert, aber nicht bestimmte Technologien vorschreibt, mit denen diese Ziele erreicht werden sollen. Die Politik kann sich beispielsweise vornehmen, eine emissionsfreie Stromversorgung aufzubauen und dafür viel Geld bereitzustellen. Sie sollte aber nicht festlegen, dass etwa ein bestimmter Anteil des Stromverbrauchs durch Photovoltaik abgedeckt werden muss. Das ist eine Festsetzung, die der Staat besser dem Markt überlassen sollte. Außerdem müssen die Subventionen immer zeitlich befristet werden.

ZEIT: China geht einen anderen Weg, die Japaner verdanken ihre Hochtechnologie auch ihrem Technologieministerium Miti, und auch die Franzosen haben immer wieder Spitzentechnologien ganz gezielt gefördert, etwa den Schnellzug TGV. Beeindrucken Sie solche Beispiele nicht?

Schmidt: Gerade in Frankreich würde man auch viele Gegenbeispiele finden. Es gibt bei diesem Thema leider eine Neigung, die erfolgreichen Fälle anzuschauen und nicht diejenigen, bei denen große Projekte in den Sand gesetzt wurden. Die Finanzkrise hat dazu geführt, dass in vielen Politikbereichen schneller nach dem Staat gerufen wird als früher.