"Ich bin der Untertaucher" – Seite 1

DIE ZEIT: Mister Damon, in einer amerikanischen Talkshowsatire haben Sie einmal ein Interview mit Nicole Kidman geführt. Die erste Frage lautete: "Was können Sie uns über sich erzählen, was wir noch nicht wissen?"

Matt Damon: Yeah. Sie hat sich dann als Kleptomanin geoutet.

ZEIT: Was können Sie uns über sich erzählen, was wir noch nicht wissen?

Damon: Man hat mir im Laufe meines Lebens alle Fragen gestellt, die man sich nur ausdenken kann. Und es gab immer wieder Momente, in denen ich so schwach oder blöd war, sie ehrlich zu beantworten.

ZEIT: Wieso ist Ehrlichkeit blöd?

Damon: Das ist vielleicht übertrieben. Man könnte sagen, dass die Grenze zwischen Ehrlichkeit und Eitelkeit verschwimmt. Es gibt heute eine Tendenz zum"Oversharing", zum übertriebenen Mitteilen und In-die-Welt-Posaunen. Und so gerne ich die modernen Kommunikationsmittel und Technologien nutze – diese Idee oder Obsession, dass wir alles, was wir tun oder denken, sofort in Echtzeit mitteilen, posten oder twittern, ist irgendwie ein Wahn.

ZEIT: Twittern Sie?

Damon: Nein. Ich hatte nie das Gefühl, dass meine spontane, instinktive Reaktion auf ein Ereignis die richtige Art wäre, damit umzugehen. Ich bin eher langsam. Ich muss nachdenken.

ZEIT: Gilt das auch für Ihren Beruf?

Damon: Ich bin Kollegen begegnet, bei denen jede Gefühlsfarbe und jede Erfahrung sofort auf Bestellung aktiviert werden können. Bei mir ist das nie so. Ich musste die Dinge immer überdenken und mich vorbereiten. Ich bin ein Grübler. Auch deshalb ist Twittern nichts für mich. Wenn ein Ereignis wirklich groß, wirklich epochal ist, dann vollzieht sich die erste Reaktion darauf sowieso in einer Art Schockzustand.

ZEIT: An welche Art von Ereignis denken Sie?

Damon: An den 11. September. Ich war damals in New York. Ich lebe in der Lafayette Street, die ziemlich breit ist. Nachdem die Türme eingestürzt waren, starrte ich aus dem Fenster. Die Straße war voller Menschen, weil die U-Bahn gesperrt war. Von meinem Fenster aus sah das aus wie ein Protestmarsch, aber die Leute wollten nur weg, nur nach Hause. Ich weiß noch, dass ich dasaß und auf diese Menschen hinunterblickte, die alle mit Staub bedeckt waren. Manche lachten hysterisch, manisch. Vor Anspannung und vor Erleichterung darüber, dass sie am Leben waren. Es war völlig bizarr. Dann ging ich hinunter und über die Straße, um einen Kaffee zu kaufen. Jetzt, im Rückblick, denke ich: "Ist es wirklich wahr, dass du in diesen Coffeeshop gingst, direkt nachdem die Türme eingestürzt waren?" Der Laden war überfüllt. Und als ich drinnen in der Schlange stand, kam ein Typ auf mich zu und überfiel mich. Mit einer Filmidee! Zu diesem Zeitpunkt hatte ich noch mit keinem Menschen über das, was geschehen war, gesprochen. Und der Typ quasselte einfach weiter auf mich ein. Ich zeigte in Richtung der Türme und fragte ihn, ob ihm nicht klar sei, was passiert sei. Aber er redete einfach weiter. Und ich taumelte zurück in meine Wohnung. Ich weiß nicht, warum ich jetzt darüber spreche, aber es ist tatsächlich etwas, was ich noch nie erzählt habe.

ZEIT: Glauben Sie, die mangelnde Scheu solcher Leute beruht auf Ihrem Image des All-American boy?

Damon: Vielleicht. Man kann aber nicht sagen, dass mein Durchschnittsgesicht meiner Karriere geschadet hätte.

Der Mann, der vor aller Augen verschwinden kann

ZEIT: In TheBourne Identity sind Sie ein Agent mit Amnesie. Sie haben immer wieder Spione gespielt: den FBI-Informanten in Steven Soderberghs The Informant, den Polizisten und Mafia-Spitzel in Martin Scorseses The Departed. Auch in The talented Mr. Ripley nahmen Sie eine andere Identität an...

Damon: Ein schöner Gedanke: Ich bin der Untertaucher. Der Mann, der auf der Leinwand vor aller Augen verschwinden kann. Der, mit dem sich alle identifizieren können. Eine Chiffre. Deshalb gewinnen Typen wie ich auch keine Oscars. Und deshalb interessieren sich die Paparazzi zum Glück auch nicht für mich.

ZEIT: Neben Cary Grant gab es James Stewart, neben Robert Redford gab es Donald Sutherland. Und neben George Clooney und Brad Pitt gibt es Matt Damon?

Damon: Sicher, meine Karriere beruht ja auch auf so mancher Rolle, die andere abgelehnt haben. Und zur Dualität innerhalb der Hollywoodindustrie: Je übermächtiger das Image eines Schauspielers ist, desto schwieriger ist es für ihn, in der Rolle zu verschwinden. An der Tatsache, dass es Brad Pitt immer noch gelingt, lässt sich ablesen, was für ein unfassbar guter Schauspieler er ist.

ZEIT: Ihr neuer Film, Neill Blomkamps Science-Fiction-Geschichte Elysium, handelt von einer Abschottungsfantasie. Unten auf der Erde leben die Armen und Unterprivilegierten, und oben im Weltall leben die Reichen und Privilegierten in einer luxuriösen Raumstation.

Damon: Es geht um die segregierte Gesellschaft. Gesundheitsversorgung gibt es in Elysium nur noch für die Reichen. Obwohl der Film im Jahr 2154 spielt, handelt er vom Jetzt. Der Unterschied zwischen jemandem wie mir und jemandem, der im unteren Drittel der Weltbevölkerung lebt, ist größer als der zwischen meinem Filmhelden und den Leuten, die oben in der Raumstation leben.

ZEIT: Hier im Berliner Club Soho House, wo Sie wohnen, ist es auch ein bisschen wie in Elysium.

Damon: Ach ja?

ZEIT: Roter Plüsch, geschmacklose Holztäfelung, auf alt gemachte Möbel. Das kommt halt heraus, wenn man in Deutschland versucht, einen exklusiven Club zu imitieren.

Damon: Hehe, das gefällt mir.

ZEIT: In Elysium spielen Sie einen Mann, der bei einem atomaren Unfall verseucht wird und versucht, zur Behandlung nach Elysium zu kommen. Dafür lässt er sich einen metallischen Kampfanzug auf den Körper operieren. In Steven Soderberghs Film Behind the Candelabra wiederum spielen Sie den schwulen Freund des Entertainers Liberace, mit Goldringen und Topffrisur. Gegensätzlichere Körperlichkeiten als in diesen beiden Filmen kann man sich kaum vorstellen.

Damon: Hätten Michael Douglas und ich uns nicht mit Haut und Haaren in unsere Beziehung und in die Sexszenen gestürzt, dann hätten wir den Film zerstört. Nichts ist schlimmer als ein Schauspieler, der zeigt, wie toll er jetzt mal ausnahmsweise einen Schwulen spielt. In der Zukunftswelt von Elysium müssen die Figuren wiederum erkennbare Archetypen sein, damit man sich mit ihnen auf die Reise begeben kann. Meine Figur ist auch hier eine Chiffre. Aber eine, mit der sich das Publikum identifizieren kann.

ZEIT: Hm.

Damon: Wieso hm?

ZEIT: Irgendwie ist es enttäuschend, dass in der hypermodernen Zukunftswelt von Elysium dann doch wieder alles auf die alte Weise gelöst wird.

Damon: Welche Weise?

ZEIT: Mit martialisch anschwellenden Muskeln, Dolchen und Riesenwummen.

Damon: Ich hoffe, dass die Menschheit irgendwann in der Lage sein wird, ihre barbarischen Instinkte zu überwinden.

ZEIT: Es geht ja nicht um die Darstellung der Instinkte. Sondern darum, dass der Showdown dann doch wieder aussieht wie im Mittelalter.

Damon: Letztlich bin ich optimistischer als das, was der Film zeigt. Ich würde hier gerne eine kleine Erklärung abgeben (wechselt in einen übertriebenen Tonfall der Verlautbarung): Ich denke, dass die Entwicklung des menschlichen Intellekts in Verbindung mit neuen Technologien uns in Kontakt mit einer tieferen Menschlichkeit bringen könnte.

ZEIT: Wow.

Damon: Ich bin auch ganz beeindruckt von meinem Statement. Meine Mutter wäre stolz auf mich. Sie findet die Filme mit den Superwummen übrigens albern und überflüssig.

Das ganze amerikanische Desaster in einer Szene

ZEIT: Trotzdem könnte man sagen, dass Ihre Rollen die Demokratie auf den Prüfstand stellen.

Damon: Inwiefern?

ZEIT: Sie traten in Steven Soderberghs Seuchen-Thriller Contagion auf, der zeigt, wie ein Virus eine Zivilisation zerstören kann, Sie selbst haben das Drehbuch zu Promised Land geschrieben, in dem es um zweifelhafte Methoden der Energiekonzerne geht, und jetzt spielen Sie in einem Film über eine extreme Klassengesellschaft.

Damon: Die Fragen, die diese Filme stellen, treiben mich um. Und nicht nur mich. Die USA werden von einem epochalen wirtschaftlichen Niedergang erschüttert, aber die Gesellschaft ist nicht in der Lage oder willens, die Verantwortlichen zu bestrafen. Man nennt es Kapitalismus, aber die Gewinne werden privatisiert und die Verluste sozialisiert. Es gibt bei uns ein immer stärkeres Bewusstsein dafür, dass wir letztlich in zwei Rechtssystemen leben. Und in dem entscheidenden System bestimmt das Geld das Ergebnis. Genauso verstört mich die Paranoia der Geheimdienste, der Übergang einer Gesellschaft in einen Überwachungsstaat. Mich verstört, dass das Land, in dem ich lebe, Drohnenangriffe in Auftrag gibt. Es gibt noch nicht einmal eine öffentliche Erklärung dazu, jedenfalls nicht im Fall des 16-jährigen Sohns von Anwar al-Awlaki. Es wurde nur gesagt, dass es sich um einen signature strike gehandelt habe, bei dem Menschen aufgrund eines Verdachts oder wegen verdächtigen Verhaltens getötet werden. Allein die Vermutung, dass sich jemand in Zukunft auf eine gewisse Weise verhalten könnte, genügt, um ihn ohne Prozess zu exekutieren. Das ist nicht zu rechtfertigen und verstößt gegen die Verfassung. Sie sehen, es gibt genügend Gründe, mit Regisseuren zu arbeiten, die sich Fragen zu unserer Demokratie stellen.

ZEIT: Was bedeutet für Sie Demokratie?

Damon: Gleiche Rechte und Chancen für alle.

ZEIT: Man könnte sagen, dass die Idee der Demokratie in Steven Soderberghs Seuchen-Thriller Contagion auf ihre Essenz zurückgeführt wird: Das Virus tötet demokratisch, ob arm oder reich, ob alt oder jung. Sogar ein Star wie Gwyneth Paltrow stirbt in den ersten fünf Filmminuten.

Damon: Es gab in dem Film eine großartige Szene, die leider herausgeschnitten wurde, weil sie nicht zum drängenden Rhythmus des Films passte. Ich spiele den Ehemann von Gwyneth Paltrow, der gegen das Virus immun ist. Deshalb steht plötzlich ein Anwalt vor meiner Tür, der mir im Namen eines reichen Menschen in New York, dessen Namen er nicht nennen darf, einen halben Liter Blut abkaufen will. Natürlich geht es darum, ein Serum zu produzieren. Und als ich ihn frage, ob dann auch meine Tochter geimpft werden könne, sagt er, das widerspreche den Haftungsklauseln. Da haben Sie das ganze amerikanische Desaster in einer Szene.

ZEIT: Gibt es eine linke Hollywood-Gang?

Damon: Es gibt ein paar Leute mit einer ähnlichen Weltsicht, ja

ZEIT: Man stellt sich vor, wie Sie, George Clooney und Brad Pitt beim Bier den Zustand der Welt erörtern.

Damon: Warum auch nicht?

ZEIT: Wer muss das Bier holen?

Damon: Ich natürlich!

ZEIT: In seiner Ocean’s-Trilogie verpasste Steven Soderbergh Ihnen die Rolle des Taschendiebes Linus Caldwell. Ein leicht begriffsstutziger Typ, über den sich die anderen lustig machen.

Damon: Das ist noch gar nichts. Haben Sie mal die Puppenshow Team America gesehen?

ZEIT: Ihre Puppe hat eine blonde Dödelfrisur und spricht verlangsamt, sie wirkt...

Damon: ...ja, sagen Sie es ruhig.

ZEIT: Ein bisschen debil?

Damon: Yeah.

ZEIT: Aber Sie waren mal auf dem Cover von People, als sexiest man alive.

Damon: Die müssen was geraucht haben, als sie den Titel gemacht haben.

Das eigene Image ist Matt Damon egal

ZEIT: War Ihnen das eigene Image immer schon egal? Oder arbeiten Sie am Image des Mannes, dem das eigene Image egal ist?

Damon: Ich glaube nicht an das Mikromanagement des eigenen Images. Sobald ich berühmt war, habe ich mich über meine Berühmtheit lustig gemacht. Je mehr du versuchst, dein Image zu kontrollieren oder abzudichten, desto besessener wühlen die Leute in deinem Leben herum, weil sie herausfinden wollen, was du verbirgst.

ZEIT: Sie sind im linksliberal-akademischen Ostküstenmilieu in Boston aufgewachsen und haben in Harvard Literatur studiert. Ist Bildung ein Puffer gegen den Celebrity-Wahn?

Damon: Ich kenne Leute, die neulich noch auf Magazintiteln waren und die jetzt ihre Häuser verkaufen müssen. Es schadet nichts, eine Basis zu haben, die einem verdeutlicht, dass man nicht der Mittelpunkt der Welt ist, obwohl man Ellen DeGeneres in ihrer Show auf den Mund küssen darf.

ZEIT: Wer sagt Ihnen die Meinung?

Damon: Meine Mutter. Meine Frau. Meine Freunde. Leute, die einem sagen, dass man ein Arschloch ist, wenn man sich wie eines verhält. Das können nur Menschen, die man von früher her kennt. Mein alter Freund Ben Affleck hat mal eine schöne Definition von Freundschaft gegeben. Er sagte, wenn er in einem mexikanischen Bordell neben einer toten Hure aufwachen würde, wäre ich der Erste, den er anriefe.

ZEIT: Wen würden Sie anrufen?

Damon: Ben natürlich. (Er überlegt.) Aber vielleicht würde ich auch so lange darüber grübeln, wie ich in die Situation hineingeraten bin, bis die Polizei die Tür eintritt.