Was ist das Kopftuch: ein lokales Problem? Eine kantonale Aufgabe? Eine nationale Frage? Oder einfach ein Stück Stoff, das uns nicht zu kümmern hat? Das Bundesgericht entschied vergangene Woche, dass es nicht Sache einer Gemeinde sei, in ihrer Schulordnung Regeln für religiöse Kopfbedeckungen einzuführen. Was im konkreten Fall bedeutet, dass die Thurgauer Gemeinde Bürglen zwei muslimischen Schülerinnen nicht verbieten kann, mit Kopftuch zum Schulunterricht zu erscheinen.

Doch schon die ersten politischen Reaktionen zeigten, dass damit keineswegs mehr Klarheit herrscht. Die Frage scheint höchstens, ob besagtes Stück Stoff nun eine kantonale Aufgabe oder eine nationale Frage sein soll. CVP-Präsident Christophe Darbellay befand, dass am Ende eben doch die Politik respektive das Volk übers Kopftuch im Klassenzimmer befinden müsse. Und im Thurgau selber prüfen sowohl die SVP als auch das Erziehungsdepartement, ob es ein einschränkendes oder klärendes Gesetz braucht. Es ist also unvermeidbar: Die Frage nach dem Kopftuch an den Schulen wird noch mehrfach auf Kantons- wie Bundesebene gewälzt werden. Und die Chance ist groß, dass am Ende ein Bundesgesetz die Sache regelt – wohl nach einer Volksabstimmung.

Womit dann wieder ein Detail unseres Miteinanders von Genf bis St. Margrethen durchgenormt wäre. Die Realität im Land mag bunt und wirr und unüberschaubar sein, aber unter Politikern herrscht ein starkes Bedürfnis, gerade die Kleinigkeiten des Alltags über einen geraden Paragrafen-Leisten zu brechen. Und zwar von links bis rechts.

Derzeit läuft eine von den Mitte-Parteien gestartete Gesetzeserneuerung, welche die Ladenöffnungszeiten von Appenzell bis Zürich vereinheitlichen will; werktags von 6 bis 20 Uhr, samstags von 6 bis 19 Uhr. Die Zweitwohnungsinitiative legt für jedes Dorf und jede Stadt einheitlich fest, wie viele Liegenschaften ganzjährig benutzt werden müssen. Die Volksinitiative gegen das Passivrauchen wollte den helvetischen Flickenteppich aus Fumoirs und Raucher-Ecken, Rauchverbots- und Rauchtoleranz-zonen mithilfe eines einheitlichen Verbots abschaffen. Die Ausschaffungsinitiative der SVP will per Verfassung vorschreiben, wer für welches Delikt wie ausgeschafft wird – losgelöst von Einzelfall, Rechtsverfahren und Gerichtsentscheid. Die Steuergerechtigkeitsinitiative der Sozialdemokraten forderte Einheitsmindeststeuern überall, vom armen Bergdorf bis zur Goldküsten-Gemeinde.

Der Flickenteppich, so zeigt sich, ist allen politischen Lagern verdächtig. "Harmonisierung", so das beliebte Wort, erscheint als Wert an sich.

Nun sind die Harmonisierung, die Vereinheitlichung und der Grundsatzentscheid wertvolle Mittel der Organisation und sinnvolle Verfahren der Technik. Dass sich die Unternehmen quer durchs Land die gleichen Mehrwertsteuerformulare ausdrucken können, erleichtert allen Seiten das Leben – Staat wie Privaten. Dass die Kinder im bernischen Bremgarten etwa dieselben Lehrpläne haben wie im aargauischen Bremgarten, findet inzwischen weithin Zustimmung: Das Bildungsprojekt "Harmos", wohl das aufwendigste Normierungsverfahren dieser Jahre, hat inzwischen die Hürden der nötigen Volksabstimmungen genommen.

Aber wie weit soll die Harmonisierung reichen? Soll sie also auch die Kopftücher im Schulhaus von Bürglen erfassen?

Wenn in politischen Reden oder ökonomischen Studien nach den Gründen für den Erfolg des Modells Schweiz gesucht wird, so feiern alle das Gegenteil: Viel- statt Einfalt. Als Pfeiler des nationalen Erfolges gelten – ohne dass dies groß überprüft würde – Föderalismus, Kleinräumigkeit, Subsidiaritätsprinzip, also die Regel, dass möglichst alle Entscheidungen in möglichst kleinen Einheiten fallen sollen, nahe bei den Menschen, weit weg von einer übergeordneten Bundesebene. Doch die Praxis folgt nicht der Theorie. Föderalisten sind sie alle – aber nur wenn es ihnen passt.

Und so beschwor die SVP in ihrem Kampf gegen "Harmos" noch die Schwarmintelligenz des Landes – "Zum Föderalismus Sorge tragen" –, doch ihre Minarettinitiative entriss dann den Gemeinden das Recht und die Aufgabe, selber über eine Detailfrage der Bauordnung zu entscheiden; die Sache wurde national vereinheitlicht.

So wird es, das ist nach dem Bundesgerichtsentscheid von letzter Woche absehbar, auch beim Kopftuch sein. Dieses ist zwar nur in der Gemeinde, im Quartier, in der Schule, im Verein sichtbar. Aber es scheint unvermeidbar, dass dereinst ein nationaler Paragraf über ihm schweben wird.