Maurizio Cattelan ist ein seltsamer Vogel. In Padua geboren als Sohn eines Lkw-Fahrers und einer Putzfrau, schlug er sich als Möbeldesigner und Leichenwäscher durch. Dann wurde er Künstler, ohne das an einer Hochschule gelernt zu haben, und mit einer Reihe von Werken sehr bekannt, darunter: eine kindergroße Figur Hitlers, auf Knien betend (Him), ein Pferd, das mit dem Hals in der Wand steckt, und Papst Johannes Paul II., von einem Meteoriten erschlagen (La Nona Ora, 1999). Witzig, albern, hirnlos, genial – die professionellen Kunstbeobachter konnten sich über Cattelans Arbeit nicht einigen. Mit der Bekanntheit kamen die Aufträge: Peter Brant (Multimillionär) bestellte bei Cattelan ein Porträt seiner Frau Stephanie Seymour (ehemaliges Supermodel) und bekam eine Skulptur in der Art der Hirschgeweihe, die in bayerischen Gasthäusern an der Wand hängen – als Trophäe. Ein englischer Sammler wollte eine "coole" Skulptur seiner Großmutter, und Cattelan setzte die zusammengekauerte Skulptur der Oma in den Kühlschrank seines Auftraggebers. Ob sich die beiden Käufer über die Kunst gefreut haben, ist nicht bekannt.

2011 hatte er im New Yorker Guggenheim Museum eine Werkschau. Damals sagte er, er wolle sich nun zur Ruhe setzen. Dass er sehr faul sei, hatte er schon vorher an der einen oder anderen Stelle durchsickern lassen. Vor einigen Jahren, als er noch in Italien lebte, gründete er die Oblomow-Stiftung für Künstler, benannt nach der unerhört faulen Romanfigur von Iwan Gontscharow. 10.000 Dollar sollte derjenige bekommen, der ein Jahr lang an keiner Ausstellung teilnahm und auch sonst keine Kunst machte. Niemand wollte den Preis – bis er ihn schließlich selber nahm und mit dem Geld nach New York ging. Zu seinem Image als Faulpelz passt auch, dass er seine Ideen nicht selbst ausführt. Alle Skulpturen stammen aus den Händen seiner Helfer. Zu Interviews erscheint er nicht oder schickt ein Double. Über seine Person ist daher wenig bekannt.

Nun scheint er das mit dem Ruhestand nicht so genau zu nehmen. In der Fondation Beyeler in Riehen bei Basel hängen zurzeit fünf Pferde mit dem Kopf in der Wand (die Ausstellung Kaputt läuft noch bis zum 6. Oktober), und Cattelan gestaltet auch das Magazin Toilet Paper – aus dessen nächster Ausgabe wir hier vorab einige Fotografien zeigen. Dieses Projekt kann man auch als Pensionär gut bewältigen: Die Bilder stammen zwar alle aus Cattelans Kopf, aber die retrohaft anmutenden Interieurs haben andere nach seinen Anweisungen gebaut, und die Fotos macht in der Regel der Modefotograf Pierpaolo Ferrari.

Cattelan arbeitet eher wie ein Regisseur – und die Fotos wirken ja auch wie film stills. Mit den kräftigen Farben und den surrealen Szenen sehen sie aus, als hätten Pedro Almodóvar und Luis Buñuel zusammen einen Film gedreht. Cattelan gibt dem Betrachter keine Hilfe, Toilet Paper ist frei von Text. Wird er antworten, wenn wir fragen, was das Ganze soll? Versuchen wir es per E-Mail:

ZEITmagazin: Guten Tag, Herr Cattelan, wie geht es Ihnen?

Maurizio Cattelan: Diesen Morgen bin ich mit komplett verwuscheltem Haar aufgewacht und mit einem merkwürdigen Gefühl, das mich an eine Katze erinnert hat, die ich vor einiger Zeit gesehen habe. Sie war irgendwie auf ein Fußballfeld geraten. Wir sind wahrscheinlich beide verwirrt und entzückt von der Vielfalt der Möglichkeiten.

ZEITmagazin: Wo haben Sie diese merkwürdige Vase gefunden, die die Dame mit den langen Fingernägeln hält?

Cattelan: Es war eine lange Suche: Wir hatten klar im Kopf, was sie in ihren Krallen halten soll. Wir fanden diese chinesische Vase schließlich in einem Antiquitätenladen in Paris: Der vornehme Herr, der uns die Vase verkaufte, war komplett bedeckt mit Drachentattoos. Manchmal ist die Realität noch besser als das, was wir fotografieren.

ZEITmagazin: Können Sie beschreiben, was für Sie Schönheit ist?

Cattelan: Während einer Fernsehshow hat Kermit mal gesagt: Schönheit liegt im Auge des Betrachters, und manchmal ist es nötig, dem dummen oder uninformierten Betrachter ein blaues Auge zu verpassen.