Eine Fahrt von Hamburg hinauf nach Nordfriesland, in eine Welt, die dabei ist, zu verschwinden. Erst kommt die Autobahn, dann nur noch Landstraße. Der Blick schweift über Schafe, Wiesen und Windparks, ab und zu deutet ein Kirchturm auf menschliches Leben hin, selbst wenn die Kirchen längst geschlossen sind. Die Orte heißen Witzwort, Stuckum oder Arlewatt. Ob es sie in ein paar Jahren noch gibt?

Es hat sich ja herumgesprochen, dass wir zu wenige Kinder bekommen, dass die Gesellschaft überaltert, dass wir mehr Altenpfleger als Bauern brauchen. Doch ist das für die meisten Menschen eine abstrakte Wahrheit, "demografischer Wandel", was soll das schon heißen. Es hört sich nach ferner Zukunft an. In Nordfriesland hat diese Zukunft begonnen. Sie sieht sehr einsam aus. Schon 2025 werden in Orten wie Joldelund, Winnert oder Enge Sande, im Hinterland der bei Touristen beliebten Küsten, ein Viertel weniger Menschen leben als heute. Heute gibt es auf Pellworm, der größten Insel im Welterbe Wattenmeer, noch zwei Lebensmittelgeschäfte, eine Tankstelle, einen Arzt für Menschen und einen für Tiere. Was davon wird 2025 noch da sein?

In einem Masterplan Daseinsvorsorge hat der Landkreis Nordfriesland jüngst seine Zukunft durchgespielt. Der Bund hat sich an der Studie für diese "Modellregion" beteiligt. Das zeigt, dass der Landkreis für viele ländliche Gebiete in Ost und West steht. Bundesbauminister Peter Ramsauer mag übrigens den Begriff Masterplan nicht, er würde es lieber Regionalstrategie nennen. Nur: Welche Strategie ist gefragt? Hier muss das Schrumpfen geplant werden, und das ist schwierig für Planer, die in ihrer universitären Sozialisation auf "Wachsen" eingestellt sind. Das können sie – aber schrumpfen?

Bereits heute ist zum Beispiel die Tagesbereitschaft der Freiwilligen Feuerwehren nicht mehr überall gewährleistet, weil auch Feuerwehrleute altern und die Arbeitsplätze der jüngeren weit weg in den Städten liegen. "Brände werden nur noch am Wochenende genehmigt", würde Kreisbaudirektor Burkhard Jansen, Mitverfasser der Studie, am liebsten verordnen – er meint das ironisch. Oder es müssten mehr Frauen in der Freiwilligen Feuerwehr tätig werden. Nur werden sie auch anderswo gebraucht, etwa im Rettungswesen. Weil die Bevölkerung altert, wird es in Zukunft 25 Prozent mehr Notarzteinsätze geben. Weil zudem die Zahl der über 80-Jährigen bis 2025 um 40 Prozent steigt, braucht es auch mehr Pflegerinnen und Pfleger.

Und die Altersarmut? Auch die wird zunehmen, wegen des sinkenden Rentenniveaus und weil in Nordfriesland viele Menschen mit "gebrochenen Arbeitsbiografien" in Rente gehen – schlecht bezahlte Beschäftigte aus dem Tourismus- und Baugewerbe. Als Lösung fordert der Masterplan den "Einbezug bürgerschaftlichen Engagements". Nur dass es leider immer weniger Bürger gibt.

Bisher schien die Lösung einfach: "Das eigene Heim ist die beste Altersvorsorge." Nur stimmt auch das nicht mehr. Das Eigenheim auf dem Lande ist oft sanierungsbedürftig, nicht barrierefrei. Und es liegt weitab. Damit ist es meist unverkäuflich, selbst wenn das die derzeitige Flucht in Immobilienwerte verschleiert. Wer möchte schon in einer Gegend wohnen, die dramatisch unterversorgt ist? Viele der schmucken Häuser sind schon heute nur Zweitwohnsitze wohlhabender Hamburger. Deren Bewohner aber bilden kein Gemeinwesen. Die gehen nicht mal in die Dorfkneipe.

So hat sich in den letzten Jahren ein Teufelskreis entwickelt, der alle ländlichen Regionen prägen wird – Nordfriesland ist überall, in Mecklenburg-Vorpommern wie in Bayern. Weniger Bewohner plus geringere Geburtenrate heißt weniger Kinder, heißt weniger Schulen. Es folgen weniger Volkshochschulen, Kinos, Vereine. Und weniger Geschäfte. Das senkt die Zahl der Arbeitsplätze und führt zu weniger Bewohnern – und wieder von vorn. Weil die Einnahmen der Kommunen sinken, ist auch die Vorstellung, "der Staat" könne ausgleichen, was durch sinkende Bevölkerungszahlen an zusätzlichen Kosten entsteht, irrwitzig.