Verreisen ohne seinen Garten? Für wahre Gärtner ist das eine Zumutung. Die Rosen in voller Blüte, der Rasen nach Wasser lechzend, die Agapanthusknospe, auf die man Jahre, und zwar schon fast ohne Hoffnung, gewartet hatte, steht kurz vor der Epiphanie – wer will da schon hinter sich die Pforte schließen, um vermeintlich anderen Vergnügungen nachzugehen? Solchen Menschen kann geholfen werden, glücklicherweise, durch Lektüre, die auf solche Krisen zugeschrieben scheint.

Wahlweise stehen zur Auswahl: ein kleiner Roman über den großen schwedischen Botaniker Carl von Linné. Ein winziger hortikultureller Krimi von der im Biotop um Pflasterstrand und Titanic groß gewordenen Autorin Elsemarie Maletzke. Zuletzt: ein Briefwechsel zwischen zwei britischen Gärtnern, Beth Chatto und Christopher Lloyd. Dear Friend and Gardener!, mein Gott, was haben sie sich nicht alles zu sagen, zu erzählen, zwischen Chattos signature-garden , einer modernistischen Pflanzung auf Kies, und des lieben Christo ehrwürdigem Herrensitz Great Dixter. Sie, die scharfzüngige Lady. Er, Spross eines alten Geschlechts, Rugby School, King’s College Cambridge, Officer of the British Empire, Victoria Medal of Honour von der Royal Horticultural Society, mehr dazu später.

Gärtnern ist eine unerbittliche Sache, Werden, Vergehen sind die Pole, zwischen denen Leben sich einzurichten versucht, im Rückblick auf die großen Naturforscher wie Carl von Linné, geboren 1707, gestorben 1778 auf seinem schönen Gut vor den Toren von Uppsala, ahnt man das Begehren, in der Schöpfung etwas zu greifen, das unverrückbar ist. Corriger la nature, die von Gott so wuselig erschaffene.

Der schwedische Schriftsteller Magnus Florin, auch Chefdramaturg am Dramaten in Stockholm, der seinen kleinen Roman um Linné von 1995 schon als Oper inszeniert hat, führt uns in Der Garten nach Hammarby, wo Linné, Arzt, Professor der Botanik an der Universität Uppsala, seinen Studien nachging. Auf Hammarby war natürlich nicht viel Ruhe, da waren Frau und Kinder, Elisabeth Christina, Sara Magdalena, Sara Christina, Lovisa, Johnan und so weiter, Mägde und Knechte. Florin verengt den Fokus auf seinen Helden Linnæus. Es ist ja auch schon viel los zwischen echtem Kerbel und Wiesenkerbel, Geflecktem Schierling und Wiesen-Bärenklau, Salz-Hasenohr, Wassernabel, Schmalblättrigem Merk. Was wären die Systema Naturae ? Und: was passiert da, wenn sie sich fortgesetzt wandeln, da erwächst die schwindelerregende Ahnung – ob es denn sein kann, dass neue Arten fortgesetzt entstehen? Ohne Gott?

Florin hat einen Text geschrieben, dessen suchende Bewegung von Benedikt Grabinski mit Behutsamkeit übersetzt worden ist. Das Gerüst ergeben die Trajektorien zwischen Linnæus und seinem Freund Petrus Arctædius, der in Richtung Holland verschwindet, sowie zwischen Linnæus und Gärtner, die sich auf enger Scholle beharken. Zum Ende hin zieht sich der Text in sich selbst zurück, auf Bruchstücke, Abrisse, ein Flackern wie das hinter der Schädelwand des großen Denkers, dessen Extremitäten nachgeben und einziehen, wie es so vieles tut, was er um sich beobachtet hat, und es wird von der Schmerzlichkeit dieses Vorgangs nichts verschwiegen (Magnus Florin, Der Garten, aus dem Schwedischen von Benedikt Grabinski; Edition Rugerup, Hörby 2013; 97 S., 15,90 €).

Diese natürlichen Vorgänge müssen bei Elsemarie Maletzkes Krimi Giftiges Grün natürlich nur unterhalten. Wie für Krimis typisch, wird viel abgestochen und abgemurkst, Maletzkes Werkzeuge haben aber nichts von der Grobheit eines gemeinen Sauzahns oder der Rechtschaffenheit der Manufactum-Harke. Mal kapriziös wie die eingangs beschriebene, bei ihr gefundene Agapanthusblüte, vor allem aber maliziös lässt sie ihr Auge schweifen über gärtnerische Hysterien und die für diesen Menschenschlag nicht unübliche Rechthaberei, blickt ohne Zwinkern auf großbürgerliche Marotten, sonnengebräunte Waden und teuer retouchierte Wangen. Typisch für diese Art von Buch ist es, dass Rizinus, lat. Ricinus communis, eine Pflanze, die sich divenhaft mit metergroßen rotgrünen Blättern ausbreitet, und nur, wo sie will, gerne in einer Brache, eine Hauptrolle spielt: als, nun: Giftiges Grün (Schöffling & Co., Frankfurt a. M.; 207 S., 12,– €).

Bleiben noch die E-Mails zwischen Beth Chatto und Christopher Lloyd – Dear Friend and Gardener! (Ein Briefwechsel über das Leben, Gärtnern und die Freundschaft; übersetzt von Maria Gurlitt-Sartori und Christoph Gurlitt; Deutsche Verlagsanstalt, München 2013; 359 S., 24,99 €). Ein Klassiker, schon jetzt. Wohl auch geschrieben im Gefühl, einen solchen zu verfassen, weshalb er umständlicher geraten ist, als man es bei der Konversation zwischen Monumenten erwartet hätte. Aber man wird, durch das Gartenjahr mäandernd, viel lernen, schon weil sie sich gegenseitig gerne belehren. Mit Bleistift zu lesen!

Bei alledem macht man sich natürlich nicht die Finger schmutzig, es fehlt der Geruch nach Erde und der Schmerz nach abendlicher Schlepperei von tropfenden Gießkannen. Andererseits, wie sagte es nicht, wer war es noch, vermutlich die größte der Gärtnerinnen, Vita Sackville-West: Die besten Gärten entstehen im Kopf!