Lyrik, zumal moderne Lyrik, hat im Gegensatz zur Prosa jederzeit die Möglichkeit, von einem Vers, von einem Wort zum anderen aus der Spur erzählerischer Folgerichtigkeit auszubrechen und über das weite Feld möglicher Assoziationen und Alliterationen davonzugaloppieren. Gute Lyrik, selbst die zarteste, selbst die disziplinierteste, hat immer auch etwas Freies und Wildes. Auf derartige Gedanken kommt man bei Erkundungen im poetischen Biotop Lateinamerikas, wie es sich in einer Anthologie der Lyrik des Subkontinents aus der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts darstellt.

"Alles was man sagt ist Poesie / alles was man schreibt ist Prosa // alles was sich bewegt ist Poesie / was stillsteht ist Prosa", schrieb der Vordenker und -dichter der lateinamerikanischen "Anti-Poeten" Nicanor Parra zur Gretchenfrage der literarischen Moderne: "What is poetry?" Auf Englisch, wohlgemerkt.

Der chilenische Physiker Parra, geboren 1914, ist der älteste der hier vorgestellten Dichter; der jüngste ist der 1940 geborene Kubaner José Kozer. Vorläufer dieser Generation waren die großen, die wirklich ganz großen Namen der hispanoamerikanischen Dichtung (mit gleich drei Nobelpreisen): Jorge Luis Borges, César Vallejo, Pablo Neruda, Gabriela Mistral, José Lezama Lima, Octavio Paz. An ihnen, schreibt die Herausgeberin Michi Strausfeld in ihrem kenntnisreichen und sehr zugänglichen Geleitwort, "haben sich die sechzehn Lyriker unseres Bandes gemessen und gerieben, sie sind an ihnen gewachsen und verzweifelt".

Parras Umgangsweise war zweifellos die radikalste: "... ich lade euch ein, Schiffe zu verbrennen, / Wie die Phönizier schaffe ich mir mein eigenes Alphabet." Neue Wörter finden, Begriffe vernichten, um sie im Namen einer radikalen Poesie neu zu taufen: Das war sein Projekt, und diesen Weg haben viele andere mit ihm eingeschlagen, Europäer wie Amerikaner. Denn die Verbindungen mit Europa waren eng, schon allein wegen der Fluchtbewegungen zwischen Alter und Neuer Welt, die im Verlauf des 20. Jahrhunderts immer wieder die Richtung wechseln konnten: Es war die Zeit der Militärdiktaturen auf dem Subkontinent.

Exil und Heimatlosigkeit sind häufige Motive in diesen Gedichten, etwa in Juan Gelmans Anker in Paris: Ein hochstaplerischer Löwe wird hier zur emblematischen Figur des geschichtslos gewordenen Emigranten. Gelman skizziert in nur ein paar Dialogsätzen, Haltungen, Gesten das Bild eines altmodischen, ein wenig lächerlichen und bedürftigen Schwadroneurs von königlicher Eleganz. Das ist weit entfernt von den heroischen Tönen der engagierten Lyrik der 1960er bis 1980er Jahre (von Mario Benedetti bis Ernesto Cardenal), die für europäische Rebellen eine Zeit lang einen ähnlichen Magnetismus besaß wie das Konterfei des Che Guevara. In diesem Band kommt sie nicht vor. Er versammelt eher hartnäckige Fragen als eifrige Antworten und bevorzugt einen leisen Skeptizismus, wie er in dem Gedicht Geschichte (Historia) der Uruguayerin Ida Vitale zutage tritt: "Rasch überquerten wir / die nutzlose Rast des Treppenabsatzes, / liegengebliebene Rosen, alles andere als echt, / die Ranken des immer / auf seine unauslöschliche Weise / blinden Himmels".

Natürlich ist es ganz und gar unmöglich, in Kürze zu beschreiben, welche Gedankenwelten sich in diesen insgesamt 180 Gedichten auftun: Zwischen den sinnlichen, kreisenden Selbsterkundungen der Peruanerin Blanca Varela und den epischen Gesängen eines José Kozer, die schon nah am Sound der nordamerikanischen Underground-Lyrik sind, liegen noch viele Stimmlagen. Man könnte, etwas grob zusammenfassend, sagen, dass es hier immer wieder um das Verhältnis des Ichs zur Geschichte, zur Endlichkeit geht. Um die Art von Erkenntnissen und Erfahrungen, die nur metaphorisch zu haben sind, weil das Ich, auch das lyrische und auch das lateinamerikanische, dafür keine existierenden Begriffe bereithat.