Plötzlich hört Yakup Geçgel auf zu lächeln. Er stützt seinen linken Ellenbogen auf den Tisch, erhebt seinen Zeigefinger: "Am 29. September wird eine Rechnung beglichen", sagt er in scharfem Ton. Dann leert er hastig sein Teeglas, und seine Miene wird wieder freundlicher: "Also haben wir erlebt, dass auch ein grüner Politiker imstande ist, so etwas zu sagen."

Yakup Geçgel, Sprecher der Islamischen Föderation in Wien, wirkt wie ein besonnener Mann, nur wenn die Rede auf den grünen Bundesrat Efgani Dönmez kommt, ist er sichtlich empört. Mitte Juni hatte der Provokateur aus Oberösterreich bekundet, man sollte doch jene 8.000 Demonstranten, die zur Unterstützung des türkischen Ministerpräsidenten Recep Tayyip Erdoğan in Wien auf die Straße gegangen waren, mit einem One-Way-Ticket in ihre ursprüngliche Heimat schicken: "Keiner würde denen nachweinen." (Dönmez entschuldigte sich wenige Tage später für seine Aussagen.) Geçgel und viele andere innerhalb der türkischstämmigen Community wollen sich nun für diesen Affront bei den Nationalratswahlen revanchieren. Wenn sich diese Idee in allen muslimisch-türkischen Vereinen, Gebetshäusern, Sport- und Freizeitclubs herumspricht, dann könnte das die Grünen noch empfindlich viele Stimmen kosten.

Experten glauben, von den geschätzten 250.000 bis 300.000 türkischstämmigen Migranten in Österreich gehöre die Hälfte dem konservativ-religiösen Lager an, das Dönmez ein derartiger Dorn im Auge ist. Dieses Segment ist in mehreren Vereinen gut organisiert und war noch nie sie so gut vernetzt wie heute. Während sich linke oder säkulare Gruppen – parallel zum Untergang der organisierten Linken in der Türkei – in der Bedeutungslosigkeit verloren haben, sind die konservativen Vereine eng aneinandergerückt. 2006 schlossen sich die Islamische Föderation, die Union Islamischer Kulturzentren, die Türkisch-islamische Union für kulturelle und soziale Zusammenarbeit in Österreich (Atib) und die Türkische Föderation – allesamt Vereine, die sich den religiösen, sozialen und kulturellen Belangen ihrer Mitglieder widmen – zu einer gemeinsamen Plattform zusammen. Vor einem Jahrzehnt dominierte in diesen Vereinen noch ein distanziertes, bisweilen sogar feindseliges Verhältnis zueinander. Heute treffen die Vereinsfunktionäre einander regelmäßig. Im Gründungsjahr lud die türkische Dachorganisation zur Feier des Geburtstags des Propheten Mohammed in die Wiener Stadthalle; 11.000 Gäste kamen zu der Großveranstaltung türkischen Selbstbewusstseins.

Nationalstolz motivierte wohl auch viele der Erdoğan-Sympathisanten, offen für den heftig in den Medien kritisierten Premierminister einzutreten. Yakup Geçgel war allerdings nicht selbst auf der Demonstration. Wie im Fall vieler Teilnehmer waren seine Eltern vor Jahrzehnten als Gastarbeiter nach Österreich gekommen und wollten ursprünglich auch wieder heimkehren. Schließlich entschlossen sie sich doch zum Bleiben. Deshalb sitzt Geçgel heute im Restaurant Tulpe im 15. Bezirk und faltet seine Hände. Hier ist er oft anzutreffen, laufend wird er von Bekannten begrüßt. Das alkoholfreie Familienrestaurant mit den dunklen Möbeln wird von der Islamischen Föderation betrieben. Nein, man habe die Mitglieder weder ermutigt noch davon abgehalten, an der Demonstration teilzunehmen, sagt Geçgel.