Sie stehen und schweigen. 25 ehemalige Blauhelmsoldaten gedenken eines kürzlich verstorbenen Kameraden. Einige haben dabei die Hände gefaltet. Nach der Schweigeminute bespricht die Männerrunde geplante Aktivitäten ihrer Vereinigung Österreichischer Peacekeeper: eine Pilgerfahrt nach Lourdes, ein Ausflug zum Völkerschlachtjubiläum nach Leipzig, Traditionsveranstaltungen.

Doch das sind heute Abend nur Randthemen. Während das österreichische UN-Kontingent von den Golanhöhen bereits abgezogen und das Banner der Blauhelme heimgeholt wurde, machen die Veteranen in Wien ihrem Unmut über den überstürzten Rückzug Luft. "Hier haben alle Schaum vor dem Mund deswegen", sagt einer.

Seit zehn Jahren trifft sich der Verein jeden zweiten Mittwoch im Monat in einem Hinterzimmer des Gasthauses d'Landsknecht in Wien. An der Stirnwand hängt eine Fahne mit dem Vereinslogo, einem blauen Helm vor rot-weiß-rotem Hintergrund.

"Es gab schon viel gefährlichere Situationen", sagt einer mit lautstarker Stimme, der mehrmals am Golan stationiert war. "Und nie war es ein Thema, dass wir abgezogen werden." An den Tischen wird zustimmend gemurmelt. Jeder hier diente schon als Soldat im Ausland, in Zypern, Bosnien oder am Golan; einer leitete ein Feldspital im Iran. Manche sprechen sogar Arabisch, und mit den Konfliktszenarien im Nahen Osten sind die meisten gut vertraut. "Das war eine politische Entscheidung und keine militärische", ruft einer und haut mit der flachen Hand auf den dunklen Holztisch.

UN-Einsätze waren eine tragende Säule der österreichischen Außenpolitik

Seit fünfzig Jahren ist das Bundesheer an internationalen Einsätzen beteiligt. Schon die erste Mission 1960 drohte, wenige Stunden nachdem sie begonnen hatte, in einer Katastrophe zu enden: der Einsatz eines Sanitätskontingents im Kongo. Einen Tag nach der Ankunft in Bukavu wurden die 49 Soldaten von der kongolesischen Armee gefangen genommen. In einer waghalsigen Aktion wurden sie von nigerianischen Blauhelmen befreit. Ein Nigerianer und mindestens elf Kongolesen starben bei dem Gefecht.

Das frühe Engagement Österreichs hatte weniger humanitäre als politische Gründe. Es sollte die Neutralität Österreichs unterstreichen, die Eigenstaatlichkeit bewahren und die internationale Integration des Landes fördern. Außenminister Bruno Kreisky beabsichtigte überdies, auf diesem Umweg die Südtirolfrage auf eine internationale Bühne zu hieven. Die Beteiligung an Friedensmissionen der Vereinten Nationen wurde zum unverzichtbaren Bestandteil der österreichischen Außenpolitik.

Die 1970er-Jahre gelten als das österreichische Jahrzehnt bei den Vereinten Nationen: Österreich war 1973/74 nichtständiges Mitglied im Sicherheitsrat, Kurt Waldheim wurde UN-Generalsekretär und Wien dritter Sitz der Organisation. Als Truppensteller für Blauhelmeinsätze rangierte das Bundesheer stets unter den Top Fünf. Auf Zypern war seit 1972 ein Infanteriebataillon stationiert, am Sinai überwachten 7.000 Soldaten, darunter mehrere Hundert Österreicher, den Waffenstillstand nach dem Jom-Kippur-Krieg, und im Juni 1974 begann der Einsatz auf den Golanhöhen, der längste und prestigeträchtigste des Bundesheeres.

"Von Anfang 1972 bis Ende 1973 explodierte die Zahl der österreichischen Blauhelme von 110 auf über 900", sagt Erwin Schmidl, Leiter des Fachbereichs Zeitgeschichte an der Landesverteidigungsakademie Wien. Die Überlegung sei gewesen: "Je stärker wir bei Einsätzen präsent sind, umso mehr sind wir auch in Entscheidungen der UNO eingebunden."