Es gab einmal eine Zeit, so kurz nach dem verstolperten Start der schwarz-gelben Regierung im Winter 2009, da konnte man den neuen Kanzleramtschef Ronald Pofalla gelegentlich im Dunkeln durch den Berliner Tiergarten joggen sehen, mit einer Art Grubenlampe auf der Stirn. Inzwischen wirkt es, als habe er seither nie so recht wieder ans Licht gefunden. Der Mann, der früher mal das Gesicht der CDU war, als ihr Generalsekretär und Parolenschmied, ist auf dem Zenit seiner Macht praktisch aus der Öffentlichkeit verschwunden. "Was macht eigentlich Pofalla?" Die Frage kommt gelegentlich auf – und jetzt besonders dringlich. Als Koordinator der Geheimdienste ist es Pofalla, von dem man wissen will, wie die Bundesregierung mit dem Dilemma umgehen will, in das sie die Enthüllungen über die NSA-Datensammlung gestürzt haben. Aus den dürren Worten, die der Kanzleramtschef nach seinem schweren Gang zum Parlamentarischen Kontrollgremium nun öffentlich sagte, ging die Linie hervor: Man wusste von nichts.

Angela Merkel hat den Verdacht, sie habe in ihrem Interview mit der ZEIT die Verantwortung für Fehler der Geheimdienste auf ihren Kanzleramtschef abwälzen wollen, fast angewidert von sich gewiesen. Das wäre auch einigermaßen undankbar von ihr gewesen. Man könnte schließlich sagen, dass der 52-jährige Ronald Pofalla in ihren Diensten verschwunden ist. Niemand hat in all den vielen Jahren, die sie einander kennen, von Pofalla je ein schlechtes Wort über Merkel gehört.

Weil die Kanzlerin, wie es ein CDU-Spitzenpolitiker höflich ausdrückt, von ihrer Richtlinienkompetenz nicht so intensiv Gebrauch mache, sei jedes Ressort, jedes Ministerium, eine eigene kleine Regierung, mit eigenem Korpsgeist, Rachegelüsten und Rivalitäten. Und es sei, sagt Pofallas Parteifreund, "eine Herkulesaufgabe", diese Fürstentümer so zu biegen, dass sie unter den Koalitionsvertrag passen. Wenn es gelingt, ist es Merkels Triumph; wenn es schiefgeht, war es Pofalla. Mit den Verrissen, die er im Laufe der Jahre über sich lesen durfte, könnte er locker den Gang pflastern, der sein Zimmer im siebten Stock des Kanzleramts von dem Angela Merkels trennt.

Fragt man CDU-Größen der mittleren Generation, was sie in die Politik getrieben hat, nennen sie oft die Wiedervereinigung. Ronald Pofalla denkt einen Moment nach und sagt: "Mitbestimmung." Mit Peter Altmaier ist er das einzige Arbeiterkind im Kabinett. Sein Vater war Wachmann und Holzfacharbeiter, der als einer der Letzten aus Sibirien zurückkam, seine Mutter war Putzfrau. Sie starb, als er noch jung war. Die CDU mit ihren Hausfrauen, Richtern, Bauarbeitern und Kleinunternehmern, das war für den aufstrebenden Fachhochschulabsolventen Ronald Pofalla Volkspartei und Abendschule zugleich. Der Jurist hat bis heute kein Abitur – das gab es im Kanzleramt noch nie. Dass er mit dieser "Sozen-Vita" nicht nur in der CDU landete, sondern auch die Strategie der "asymmetrischen Demobilisierung" erfand – der zufolge die CDU der SPD so lange Themen wegnimmt, bis den Sozialdemokraten nichts mehr zum Kämpfen bleibt –, ist da nur folgerichtig. Merkel soll die Tatsache, dass die CDU nicht zuletzt dank Pofalla ein "strukturell linkes Land" regiere, als eine der "unterschätztesten Leistungen der deutschen Politik" bezeichnet haben.

Freunde Pofallas haben den Eindruck, dass der Spott, der in den Zeitungen lange über ihn zu lesen war, auch ein gewisses Naserümpfen über den Aufsteiger enthielt. Wenn man Eckart von Klaeden fragt, warum Pofalla so gänzlich aus der Öffentlichkeit verschwunden ist, überlegt der nicht lange: "Mit Journalisten hat er wirklich keine guten Erfahrungen gemacht."

Dann gab es auch noch gewisse denkwürdige Auftritte. Noch 2008 hat Pofalla die Atomenergie als "Ökoenergie" geadelt – um wenig später die Merkelsche Fukushima-Wende mit vollziehen zu müssen. Als im Fall des Euro-Rettungsschirms Fraktionsdisziplin gefordert wurde, pflaumte Pofalla den widerborstigen CDU-Innenpolitiker Wolfgang Bosbach an, er könne dessen "Fresse nicht mehr sehen", und als dieser auf die Gewissensfreiheit des Abgeordneten verwies, wollte Pofalla von dieser "Scheiße" erst recht nichts mehr hören. Überflieger wie den gefallenen Karl-Theodor zu Guttenberg oder den gestürzten Norbert Röttgen, die, anders als er, ihren Platz im Merkelschen Sonnensystem nicht kannten, hat er deutlich seine Verachtung spüren lassen.

Es gibt ein Foto aus dem Jahr 1975, mit dem die CDU einmal einen Wahlkampf bestritt. Es zeigt den jungen Mann mit langen Haaren und Baskenmütze, leise in sich hineinlächelnd. Helmut Kohl hat ihn lange als Linken bekämpft, und Pofalla ist heute noch der Meinung, er sei der einzige der jungen Wilden, der je für Aufmüpfigkeit hat bezahlen müssen. Was er für seine Loyalität zur Kanzlerin bekommt, wird sich im Herbst zeigen. Womöglich regiert sie mit seiner Hilfe weiter, auch über die Sozialdemokratie, die dem Geheimdienstkoordinator nicht am Zeug zu flicken vermag. Wollte Pofalla dann das Arbeitsministerium, wird sie es ihm kaum verweigern können.