Das ist eine wichtige Idee: Menschen sollten die Erfahrungen, die sie im eigenen Leben, also privat machen, mit dem koordinieren, was in ihrer Lebenszeit weltgeschichtlich los ist. Allerdings muss die Differenz bleiben; es definiert ja nur den Diktator, zum Beispiel Hitler, dass er, so der Philosoph Blumenberg, die eigene Lebenszeit mit der Weltzeit gleichschalten will: Alle wesentlichen weltgeschichtlichen Veränderungen sollen in seine Lebenszeit fallen!

Umgekehrt verfehlt man jedoch ebenso das Menschenmögliche, wenn man im Geschehen blind untergeht und keine Ahnung hat, was mit einem passiert. In Der Zug, einer Simenon-Neuauflage mit überarbeiteter Übersetzung (Band 44 in der Diogenes-Reihe "Ausgewählte Romane"), ist dies das Thema.

Es tobt der Zweite Weltkrieg, die Deutschen fallen in Frankreich ein. Auch aus der Stadt Fumay, in den Ardennen an der belgischen Grenze gelegen, flüchten die Menschen. Es gibt einen Zug, der sie von der Front wegbringt. Die Erzählung vom Krieg findet in der Ichform statt, was keine beliebige Wahl des Autors ist, sondern einen virtuosen Trick darstellt, mit dem Simenon den Inhalt seines Romans unterstreicht.

Im Zug geht es darum, dass der Protagonist sein Handeln und Denken ganz und gar plausibel macht; es gibt ja keine unabhängigen Nebenstimmen, alles geht in den schriftlichen Aufzeichnungen der erzählenden Person auf. Der Witz ist nun, dass diese Ich-Erzählung – gegen den virtuos erweckten Eindruck – ganz und gar nicht plausibel ist. Sie ist, wie sich am Ende zeigt, immer schon von einer spießigen Grausamkeit gewesen.

Die Lektüre empfiehlt sich auch für Historiker. Über den Sieg der Deutschen heißt es in den Aufzeichnungen Marcel Férons, eines Radiohändlers und Familienvaters: "Ein Blatt war gewendet worden, eine Epoche zu Ende gegangen. Das empfand jeder, doch keiner wusste, was genau kommen würde." Simenons Text beschreibt den Ausnahmezustand, in den auch jene, die keine Soldaten sind, durch den Krieg geraten. Gerade noch waren sie Familienväter, auf einmal ist jeder nur "ein Mensch unter den Millionen, die höhere Mächte nach Lust und Laune durcheinanderschütteln".

Die höheren Mächte, denen man anheimfällt, entlasten aber auch von der Verantwortung. Jedenfalls von den eingebürgerten Prinzipien der Alltagsrealität, das eigene Leben und das seiner Familie lenken, Geld verdienen und dafür sorgen zu müssen, dass alles seinen ordentlichen Gang geht.

In dieses Entlastungsgefüge baut Simenon genial einen zweiten Handlungsstrang ein: Die Befreiung von der Alltagsexistenz macht Féron frei für die große Leidenschaft.

Man versteht sofort, warum dieses Buch nur mit Romy Schneider und Jean-Louis Trintignant verfilmt werden konnte. Im Zug lernt Féron Anna kennen. Während seine schwangere Gattin und seine kleine Tochter abgekoppelt werden, nämlich in einen anderen Zug geraten, lebt er mit Anna die große Leidenschaft aus. Und dann? Auch das ist ein für Simenon typisches Motiv: Wie stark die stärkste Liebe auch immer war, manche Menschen opfern sie, ist der Alltag eingekehrt, ohne Weiteres wieder der ordentlichen Lebens- und Geschäftsführung.