Es waren die Jahre 1998 bis 2005. Das Ende dieser Zeitspanne liegt gerade mal acht Jahre zurück, der Anfang fünfzehn. Ist das schon Zeitgeschichte? Gibt es da, zumal vor einem Wahlkampf, bereits genug Distanz, um eine politische Ära sinnvoll zu interpretieren? Oder muss eine Betrachtung, die selbst historisch noch in der Unabgeschlossenheit einer gesellschaftlichen Umbruchphase steckt, nicht notwendigerweise unkritisch, sogar naiv bleiben?

Der Heidelberger Zeithistoriker Edgar Wolfrum begründet sein verwegenes Unterfangen damit, dass die rot-grünen Regierungsjahre Teil der "Ausgipfelung des kulminierenden Strukturbruchs" am Ende des 20. Jahrhunderts seien, womit wahrscheinlich gemeint ist, dass sich seit dem Ende des Systemkonflikts nach 1989 eine globale Figurationsveränderung vollzog, in der sich die politischen und wirtschaftlichen Gewichte neu sortierten. In diesem Kontext wäre die Betrachtung einer in vielfacher Hinsicht modernisierenden Regierung in der Tat plausibel – schließlich hat Gerhard Schröder die Agenda 2010 ja mit den veränderten wirtschaftlichen und sozialpolitischen Rahmenbedingungen begründet, die aus der Globalisierung resultierten.

Aber Wolfrum sagt nicht, was sich hinter dem verstiegenen Begriff "Ausgipfelung" verbirgt, sondern macht sich umstandslos an eine "Varianzgeschichte", die "Politik, Wirtschaft, Gesellschaft und Sozialkultur" gleichermaßen zu betrachten versucht. Sein Bemühen gilt einer "Kontextgeschichte" der rot-grünen Regierungszeit in ihrer internationalen Einbettung. Die allerdings, so viel vorab, findet sich in diesem Buch nur rudimentär, obwohl Platz dafür gewesen wäre, schließlich braucht der Autor mit Anmerkungen und Bibliografie mehr als 800 Seiten für die nach historischen Maßstäben eher schmale Episode Rot-Grün.

Die "Varianzgeschichte" hingegen gelingt Wolfrum ganz gut, indem er minutiös und im Wesentlichen strukturiert durch die Chronologie, die Ereignisse vom Machtwechsel 1998 über die Stationen Kosovokrieg, ökologische Steuerreform, 9/11, Afghanistan- und Irakkrieg, Agenda 2010 bis hin zu den vorgezogenen Neuwahlen 2005 beschreibt. Dabei ruft die zeitliche Nähe zu den Ereignissen beim Lesen häufig Déjà-vus hervor: Es fällt einem wieder ein, wie die Grünen, gerade zum ersten Mal in Regierungsverantwortung, an der Frage des Kriegseinsatzes der Bundeswehr beinahe zerbrochen wären und wie Joschka Fischer und Daniel Cohn-Bendit mit der starken Umcodierung von "Nie wieder Krieg" zu "Nie wieder Auschwitz" eine neue außenpolitische Rolle der Bundesrepublik zu definieren halfen.

Man erinnert sich an den überraschenden Doppelrücktritt Oskar Lafontaines vom Amt des Finanzministers und des Parteivorsitzenden und merkt, dass man bei allem, was man gegen den Mann sagen kann, nicht um Anerkennung dafür herumkommt, dass er seinerzeit der Einzige in Regierungsverantwortung war, der den sozial- und finanzpolitischen Paradigmenwechsel hin zu Deregulierung, Privatisierung und Beschneidung des Sozialstaats heftig kritisierte. Wolfrums chronologische Revue führt eindringlich vor, wie sehr sich der Regierungsstil von Rot-Grün, repräsentiert vor allem durch Protagonisten der ersten Nachkriegsgeneration, von der Ära Kohl vorher und der Ära Merkel hinterher unterschied.

Tatsächlich lässt sich Rot-Grün attestieren, dass hier, bei allen intervenierenden Ereignissen wie 9/11 oder der Flutkatastrophe von 2002, doch bislang letztmalig Politik ein Reformprojekt war: mit der Einführung der Ökosteuer und mit ökologischen Steuerungsinstrumenten wie dem Erneuerbare-Energien-Gesetz, dem Atomausstieg, der Entschädigung von NS-Zwangsarbeitern, der Erfindung eines Kulturstaatsministers und der Einrichtung einer Bundeskulturstiftung bis hin eben zum Umbauprojekt Agenda 2010, das ja nicht nur Hartz IV vorsah, sondern auch die Umstrukturierung der Arbeitsverwaltung, Änderungen im Leistungsrecht, die Ich-AGs und Minijobs, Lockerungen des Kündigungsschutzes, Öffnungen im Tarifrecht und einiges mehr. Dass davon vor allem Hartz IV, die Zusammenlegung von Sozial- und Arbeitslosenhilfe zum sogenannten Alg II, im Gedächtnis geblieben ist, liegt an der extrem schlechten Vermittlung der Agenda 2010 und dem verheerenden Fehler, Arbeiter und Angestellte, die arbeitslos wurden, schon nach zwölf Monaten mit Sozialhilfeempfängern gleichzustellen. Das verstieß nicht nur gegen grundlegende Gerechtigkeitsvorstellungen, weil es Menschen betraf, die zum Teil jahrzehntelang Sozialbeiträge bezahlt hatten, sondern war auch psychologisch katastrophal, weil sich der durch Arbeitslosigkeit gefährdete Teil der sozialdemokratischen Wählerschaft niemals zu jenen gezählt hätte, die "auf Stütze" leben.

Paradoxerweise lag in dieser planmäßigen Absturzgefährdung auch ein Widerspruch zum Konzept der "Neuen Mitte", mit dem die Schröder-SPD sich zuvor programmatisch modernisiert hatte: Nicht mehr die Ungelernten und gesellschaftlich Benachteiligten sollten die Zielgruppe sozialdemokratischen Wählerwerbens sein, sondern jetzt ist es die "Mitte" der Gesellschaft, vom Facharbeiter aufwärts. Es ist übrigens falsch, wenn Wolfrum diese Umcodierung der sozialdemokratischen Programmatik auf die Vorbilder Clinton und Blair zurückführt; die neue Linie hatte Schröder schon im niedersächsischen Wahlkampf 1994 vorgezeichnet.

Überhaupt bleibt Wolfrums Analyse des wirtschafts- und finanzpolitischen Umbaus der Bundesrepublik blass: Die Zulassung von Hedgefonds, die Steuerreform 2000 oder die Privatisierungen sind ihm bloß ein paar Zeilen wert. Seine Schlussfolgerung, dass Rot-Grün den "weltweiten Trend in Richtung umfänglicher Deregulierung der Finanzmärkte [...] eher gebremst" habe, muss gerade vor dem Hintergrund der anschließenden Entwicklung erstaunen. Ähnlich irritiert ist man, dass der Hochschullehrer Wolfrum zu den Reformen von Edelgard BulmahnBologna, Exzellenz-Unis, Dienstrechtsreform – nur wenige Sätze schreibt, obwohl sie die verhängnisvolle Regel einführten, dass niemand länger als zwölf Jahre in einer befristeten Tätigkeit in Lehre oder Forschung beschäftigt sein darf, wodurch eine ganze Generation Höchstqualifizierter ins Ausland, in die Arbeitslosigkeit oder eine prekäre Selbstständigkeit getrieben wurde.