Das Modul heißt "Schreiben nach Regeln". Drei ETCS-Kreditpunkte gibt es für den Kurs "Das Schreiben von Texten nach Regeln, wie es etwa Oulipo in Paris praktiziert". Was nach dem Programm einer literarischen Gruppe klingt, ist eine Lehrveranstaltung des Schweizerischen Literaturinstituts in Biel. Das zur Hochschule der Künste Bern gehörende Institut wurde im Herbst 2006 gegründet. Damit kam eine Disziplin in die Schweiz, die im angelsächsischen Raum als Creative Writing weitverbreitet ist und seit den fünfziger Jahren in Leipzig einen festen Platz im Hochschulcurriculum hat. Jährlich bewerben sich rund 80 junge Schreibtalente mit einer 20-seitigen Textprobe um einen Studienplatz, Platz gibt es aber nur für 15 von ihnen.

Im dreijährigen Bachelorstudium sollen die Studierenden lernen, was einem Menschen nach landläufiger Meinung nicht beigebracht werden kann: literarisches Schreiben.

Den Verlagen fehlt heute die Zeit, über Texte zu sprechen. In Biel hat man sie

Marie Caffari, die Institutsleiterin, ist kritische Stimmen gegenüber ihrem Studiengang gewohnt. "Als das Institut noch eine Idee war, befürchteten viele, dass wir der Literatur durch eine normative Lehre schaden könnten", sagt sie. In der Zwischenzeit sei die Kritik jedoch leiser geworden. Denn obwohl Hochschule draufsteht, wird am Literaturinstitut nicht wirklich gelehrt, sondern vielmehr gelernt. Das Schreiben nach Regeln ist lediglich ein dreitägiger Kurs und keineswegs Programm in Biel. Weder in den Schreibateliers noch im Mentorat, in dem sich die Studierenden mit erfahrenen Schriftstellern austauschen, gibt es klare Vorgaben. Simple Schreibanleitungen werden in der herrschaftlichen Villa, in der das Institut zu Hause ist, keine serviert. Ein Institutsstil, wie man ihn beim Pendant in Leipzig findet, konnte sich in Biel nicht entwickeln.

"Einfach ist das Schreiben per se nicht", sagt Gianna Molinari. "Am Ende sitzt man auch in Biel alleine vor dem Schreibtisch und der Auseinandersetzung mit sich selbst." Die 25-jährige Molinari hat im letzten Sommer ihr Studium in Biel abgeschlossen. "Was ich gebraucht habe, war ein Ort, an dem das Schreiben selbstverständlich ist", sagt Molinari. Da in ihrem Umfeld niemand literarisch tätig war, fehlte ihr das Gespräch über die eigenen Texte, das gerade für junge Autoren besonders wichtig ist. Das Geschriebene landete ohne Kritik und Überarbeitung in der Schublade – und läge wohl heute noch dort.

Für viele Studierende gab dieses Bedürfnis nach einem Ort des Austauschs den Ausschlag für die Bewerbung am Literaturinstitut. Auch das Institut selber wurde deswegen gegründet. Es geht zurück auf eine Initiative des Basler Autors Guy Krneta.

Anfang des Jahrs 2000 existierten zwar durchaus Plattformen für etablierte Autoren, doch für junge Schreibende war es schwierig, in der Literaturszene Fuß zu fassen. Diese war vorab mit sich selbst beschäftigt. Schickten sie einen Text an einen Verlag, bekamen sie im besten Fall eine Standardabsage, meist aber nicht mal eine Antwort.

Das wundert einen wenig. Nicht nur die Buchhandlungen leiden unter der neuen Konkurrenz aus dem Internet, auch die Verlage selbst spüren: Das althergebrachte Geschäftsmodell funktioniert nicht mehr. So fehlt ihnen zunehmend das Geld und damit die Zeit für die Autorenförderung, für ausführliche Gespräche über die Textentwicklung. Vorbei sind die Zeiten, als Verleger wie Daniel Keel ihre Zöglinge zum ausladenden Abendessen einluden. Heute fehlt die Zeit, nach ungeschliffenen Diamanten zu suchen, Autorinnen und Autoren zu finden, die eine Sprache und die etwas zu sagen haben – um ihnen dann eine erfahrene Lektorin oder einen Lektor an die Seite zu stellen, die sich dem Jungtalent behutsam, aber doch hartnäckig annimmt.

Ja, in der Schweizer Literaturlandschaft hat sich eine weite Lücke aufgetan – und dank Guy Krnetas gutem Lobbying wurde sie mit staatlicher Hilfe gefüllt. Die angehenden Autorinnen und Autoren haben mit dem Literaturinstitut in Biel einen Ort gefunden, an dem sie ihre Texte verhandeln können, eine geschützte Werkstatt im besten Sinne.

Im Gespräch mit Literaturstudenten sind denn auch Erfolg und Geld nur am Rand ein Thema. Viel eher beschäftigt sie die Leere und die Angst vor der weiten Literaturwelt, in der sie sich ihren Platz suchen müssen.

Julia Weber war 26 Jahre alt, als sie sich für das Studium in Biel bewarb. Die gelehrte Fotofachangestellte schrieb damals in Hamburg an ihrem zweiten Theaterstück. "Die Aufnahme in Biel war für mich eine Bestätigung, dass ich tatsächlich etwas kann", sagt sie. Woher sonst die Gewissheit nehmen, dass man nicht nur gerne, sondern auch gut schreibt, wenn man sich mit den eigenen Texten noch nicht an die Öffentlichkeit traut? "Durch das Studium habe ich eine gewisse Berechtigung zum Schreiben bekommen", sagt Weber. Eine Rechtfertigung der Außenwelt und vor allem sich selbst gegenüber für diese täglichen Notizen im Café, das geduldige Beobachten des Geschehens um einen herum. Das gewonnene Selbstvertrauen hat sich schon ein bisschen bezahlt gemacht. Julia Weber gewann 2012 ein Stipendum des renommierten Bachmann-Preises in Klagenfurt.