Deutschland hat den Begriff "das platte Land" geprägt und meint damit die Provinz: von der Landwirtschaft dominiert, kulturell und politisch rückwärtsgewandt. Das hiesige "platte Land" hingegen liegt auf Hügeln und Bergen – und nicht wenige Städter sehen in ihm die wahre Schweiz. In Zeiten nationaler Verunsicherung sind Jodler wie Die Wiesenberger auch bei Unterländern im Schwang. Und je mehr uns Europa oder die USA auf die Pelle rücken, umso öfter richtet das Schweizer Fernsehen (SRF) seine Kameras Trost spendend auf bodenständiges Brauchtum und Althergebrachtes in abgelegenen, dünn besiedelten Tälern.

Solche Vorstellungen und Bilder verfehlen jedoch den Kern der Sache: Das "bluemete Trögli" steht vor dem Sprung zur ökonomischen Großmacht. Seine Zukunft liegt aber nicht im Tourismus, sondern in der Energiewirtschaft.

Dank der Energiewende werden bald Windparks die hohen Bergkreten säumen, und unten im Tal wird Biomasse aus Feld und Wald, Stall und Scheune zu Strom. Bauernhausdächer, Steinbrüche und Geröllhalden verwandeln sich in Solaranlagen. Die Realisierung neuer Wasserkraftwerke ist ebenso der Kontrolle ländlicher Regionen unterworfen wie die Gewinnung von Erdwärme in großem Stil oder die Lagerung von Atommüll. Hier tun sich neue Einkommensquellen auf: Die Wasserzinsen, welche die Alpenkantone heute für die Nutzung von Bächen und Flüssen kassieren, sind ein mickriges Rinnsal im Vergleich zu den Geldströmen, die in Zukunft aus den Zentren bergauf fließen werden.

Aber in den Städten und im Mittelland ist diese Nachricht noch nicht angekommen. Obwohl ein pfleglicher Umgang mit wirtschaftlichen Großmächten das Gebot der Stunde ist, negiert die Agglomerationsbevölkerung Abstimmung für Abstimmung die Bedürfnisse und das Potenzial der ländlichen Schweiz. In turbulenten Zeiten sehen viele Städter die Landschaft eindimensional als Fluchtpunkt und Erholungsgebiet. Wenigstens dort soll sie überleben, die vertraute, gute, alte Heimat, wie sie uns SRF täglich vorführt!

Um dieses Ziel zu erreichen, lässt die urbane Schweiz ihre Muskeln spielen. Sie bastelt sich ihr Hinterland nach eigenen, romantischen Vorstellungen und richtet sich darin ein. Eine schier endlose Serie feindlich wahrgenommener Entscheidungen, die genau diesen Wünschen und Projektionen entsprechen, prasselte in den vergangenen Monaten auf die ländlichen Regionen nieder. Gegen eine Million Menschen im Alpenbogen, im Jura und in entlegenen Gemeinden des Mittellandes sehen sich durch diese Beschlüsse über den Tisch gezogen. Ihr altes Geschäftsmodell ist am mehrheitlichen Volkswillen, an neuen Gesetzen und Vorschriften zerschellt.

Die erstarkte Agglomerationsbevölkerung mit ihrer Sehnsucht nach intakter Natur zieht den Dörflern im wörtlichen Sinn den Boden unter den Füßen weg. Die Überlebensstrategie auf dem Lande, speziell in den Kantonen Wallis, Graubünden und Tessin, bestand bis vor Kurzem darin, ab und zu etwas Land zu verkaufen für ein neues Chalet, ein wenig an dessen Bau mitzuverdienen, im Stall ein paar Tiere zu halten, im Winter am Skilift zu stehen oder auf dem Pistenfahrzeug zu sitzen, im Sommer eine Gelegenheitswirtschaft zu betreiben und ein paar Kühe oder Geißen auf die Alp zu treiben. Einige haben Jobs im Tal oder in einem der wenigen kleinen und mittleren Unternehmen in der Umgebung.

Damit ist nun Schluss. Und unter den Berglern macht sich Wut breit.

Denn die äußeren Umstände sind schon schwierig genug. Die Klimaerwärmung lässt Bäche anschwellen und Rüfen an Orten niedergehen, die bisher als sicher galten. Prekäre Schneeverhältnisse hemmen die Investitionsbereitschaft in Wintersportanlagen und Hotellerie. Der starke Franken und die Krise in Europa lassen Touristen zweifeln, ob sie die besten Tage im Jahr in der teuren Schweiz verbringen wollen. Einschneidender sind aber die hausgemachten Geißeln: Die Einschränkung des Zweitwohnungsbaus und das neue Raumplanungsgesetz veranlassten den Walliser Regierungsrat, sich, mindestens rhetorisch, den Austritt aus der Eidgenossenschaft zu überlegen. Dieser gesetzgeberische Doppelschlag, schrieb die Sittener Exekutive dem Bundesrat, treibe den Kanton in den wirtschaftlichen Ruin.

Und es kommt für die Bergkantone noch dicker: Neue Tierschutzbestimmungen verlangen mehr Schonung und Platz in Feld und Stall. Diese Bedingungen zu erfüllen ist in vielen Kleinbetrieben kaum möglich. Die Landwirtschaftspolitik schafft die Kopfprämie für Viehhaltung ab. Es lohnt sich also nicht mehr, im Winter zwei Dutzend Schafe oder Ziegen einzupferchen, um sie dann im Sommer – möglichst günstig, ohne Hirt oder Hund – auf den Alpen weiden zu lassen. Subventionen gibt es nur noch pro bewirtschaftete Fläche. Zu allem Überfluss kehrt der Wolf, der Erzfeind aller Bergbewohner, in die Alpen zurück, nur weil ein paar wild gewordene Unterländer ihr Herz für die Natur entdeckt haben. Ins gleiche Kapitel gehört die scheinbar unmotivierte Wiederansiedlung des räuberischen Bären.

Mit solchen Plagen überziehen die Städter den Alpenraum, weil sie ihre eigene Umgebung überfüllen und zerstören und nun das Heil in den Bergen suchen.

Ihre Kultfigur aus Kindheitstagen ist Johanna Spyris Heidi. In der qualvollen Enge der stinkenden Metropole Frankfurt sehnt sich das arme Mädchen täglich nach Heimaterde und reiner Alpenluft. Das gefiel den Berglern so lange, wie solche Erzählungen, millionenfach verbreitet, ein Jahrhundert lang den Tourismus ankurbelten. Jetzt folgt das böse Erwachen, da die Städter mit politischen Mitteln ihr "Heidiland" durchsetzen, auf dass es wieder idyllisch zugehe auf dem Lande. Übertreibungen wie Verbier, Locarno oder Davos rächen sich heute, sind damit aber nicht korrigiert.

Beide Pole mogeln ein wenig in dieser Debatte. Die Stadt will ihre hausgemachten Probleme mit sogenannten stillen Zonen in Alpen und Jura kompensieren. Das ETH Studio Basel sprach von "alpinen Brachen", was in den Bergen für beleidigte Minen und rote Köpfe sorgte. Ebenso verlogen ist es, die intakte Bergwelt anzupreisen, diese aber schleichend zu verschandeln und scheibchenweise zu verscherbeln. Neuerdings will die Gemeinde Zermatt, von der man sicherlich nicht sagen kann, sie leide wirtschaftliche Not, den seit 30 Jahren währenden Schutz des Monte-Rosa-Gebiets dem Heliskiing opfern. Einem ähnlichen Trotz entspringen ungestrafte Prahlereien eines Walliser Wilderers, der sich öffentlich rühmt, mehr als 100 Tiere, darunter auch Luchse, illegal erlegt zu haben.

Solche Widersprüche und Wahrnehmungsdifferenzen vertiefen sich, seit die äußere Bedrohung durch den kalten Krieg weggefallen ist. Die großen Städte haben sich globalisiert, rutschen politisch immer weiter in Richtung links-grün und machen sich lustig über die "SVP-Unkultur" auf dem Lande. Ebendort wählt man einen Oskar Freysinger (SVP) glanzvoll in den Walliser Staatsrat – es ist eine unmittelbare Reaktion auf den Zusammenbruch der Geschäftsmodelle im Bergkanton. So fallen Stadt und Land Schritt um Schritt auseinander.