Während des letzten Weltkrieges hatte ich das Glück, ein Schweizer Kind zu sein. Später, als junger Mann, bin ich ein überzeugter Freund der USA geworden, weil ich es den Amerikanern verdanke, keine braunen oder roten Hemden tragen zu müssen. Ich konnte mich nie für grausame Psychopathen wie Stalin, Mao oder Pol Pot begeistern, auch wenn ich mit dieser Haltung damals als nicht aufgeklärt galt. Ich gehörte nie zum radical chic wie er von Tom Wolfe 1970 in Radical Chic & Mau-Mauing the Flak Catchers beschrieben wurden. Ich marschierte nicht gegen den Vietnamkrieg, und meine Bewunderung für den französischen Soziologen Raymond Aron und seine Schriften war so flammend wie meine Abneigung gegen Jean-Paul Sartre. Auch die Lektüre von Adorno, Horkheimer, Marcuse und Fromm, den Meistern der Frankfurter Schule, hat meine Überzeugungen nicht geändert. Mit großem Interesse aber las ich Der Weg zur Knechtschaft von Hayek wie auch die Werke von Milton Friedman und die Thesen für die "offene Gesellschaft" von Popper.

Ich bin aber bis heute davon überzeugt, dass Kriege immer schlimm sind, ein Kriegszustand die Freiheit der Bürger beschneidet und die Kriegswirtschaft das Gegenteil von Marktwirtschaft ist. Auch Siege enthalten dramatische Züge, und diese sollten, wie Elias Canetti sagte, niemals mythisiert werden.

Ich war erleichtert, als das Church Committee und der US-Senat Mitte der 1970er Jahre die unkontrollierte Macht von Geheimdiensten wie CIA und FBI beschnitten. Ja, es ist legitim, eine Nation und ihre Interessen zu schützen, wird dieses Recht aber grenzenlos und missbräuchlich ausgeübt, verliert es seine Berechtigung. Nach dem Fall der Mauer und dem Zusammenbruch des kommunistischen Imperiums haben viele von uns die naive Illusion von Francis Fukuyama geteilt (The End of History, 1992). Inbesondere wir Schweizer haben leider nicht verstanden, dass wir mit dem Fall des bipolaren Systems Waisen geworden waren. Aber auch den USA ist es nicht gelungen, herauszufinden, wie sie sich in dem neuen Umfeld benehmen sollten. Während das Pentagon sich ausmalte, wie ein zukünftiger Krieg aussehen könnte, und sich mit China einen neuen Feind suchte (nachzulesen bei Tom Barnett The Pentagon’s New Map), haben die führenden amerikanischen Politiker nicht verstanden, was ihnen ihr Landsmann, der Politologe Joseph Ney, mit seinen Schriften über soft and smart power erklären wollte.

Am 11. September 2001 hat bin Laden leider gewonnen. Es ist ihm gelungen, die USA massiv einzuschüchtern und zu verändern. Die Konsequenz war der sukzessiv erlassene Patriot Act. In der Panik vergaß man, was die Konsequenzen totaler Kontrolle für die Gesellschaft sind: eine paranoide Beschneidung der individuellen Rechte, und die US-Bürokratie bekam ein umfassendes Durchgriffsrecht, also die Macht, Lex und Pax Americana rücksichtslos, arrogant und willkürlich anzuwenden. Macht zwingt Recht, so lautete das neue Leitmotiv.

In diesem Gesamtzusammenhang war die Ablehnung der Lex USA, worüber wir kürzlich in der Schweiz intensiv debattiert haben, nur ein kleiner Betriebsunfall. Dass wir diese Sache überhaupt diskutieren mussten, ist dem Bundesrat zuzuschreiben, der eine private Angelegenheit (US-Justizministerium gegen einige Schweizer Banken) zu einer Staatsaffäre aufgeblasen hat. Aber die ganze Problematik ist viel umfassender und schlimmer, auch für unser Verhältnis zu den USA.

Der Machtapparat der USA ist zu weit gegangen. Mit Bedauern, aber als letzte Geste der ehrlichen Freundschaft, sehe ich mich gezwungen, dieser USA meine Freundschaft zu kündigen.