Fabian ist während der Erzählung schweigsam geworden. Sein Schlafplatz liegt am weitesten im Höhleninnern. Als die Versuche, mit einem von uns zu tauschen, scheitern, schlägt er vor, ein Feuer zu machen. Das trockene Schwimmholz steht in Windeseile in Flammen, Fabian holt einen Flachmann heraus. "Feuerwasser!", sagt er, nimmt einen kräftigen Schluck und lässt die Flasche kreisen. Unsere Schatten tanzen an den Höhlenwänden, das Grollen der Brandung scheint durch den Hall aus dem Inneren der Grotte zu kommen. Seatrekking, denke ich nach der dritten Runde Feuerwasser, ist im Grunde ein gewaltiger Rückschritt in der Evolution: Erst verwandeln wir unsere Füße zurück in Flossen, vierhundert Millionen Jahre nachdem die Fische laufen lernten. Und jetzt vertreiben wir die Geister, indem wir Feuer in der Höhle machen.

Der untote Eremit wird Fabian in dieser Nacht verschonen; die Blutsauger tun es nicht. Trotz Mückenspray und Moskitonetz ist er am nächsten Morgen von Kopf bis Fuß zerstochen, rote Flecken übersäen seinen Rücken, die rechte Hälfte seiner Unterlippe ist angeschwollen wie nach einer brutalen Linken. Er kühlt seine Wunden auf der nächsten Etappe im Wasser, bei der Bernhard einen knallroten Seestern an die Oberfläche holt, uns die gelb leuchtenden Flossen der Meerraben zeigt und bunt schillernde Zackenbarsche. Einmal verliere ich meinen Schnorchel und sehe ihn in aussichtsloser Tiefe auf dem Meeresgrund liegen. Bernhard atmet tief durch, taucht hinab und bringt ihn zurück.

Natürlich wäre es einfacher, mit Gasflaschen zu tauchen, sagt Bernhard, aber die kann man nicht übers Gebirge tragen. Außerdem, all diese Hilfsmittel und Technologien – das sei kein Sport, das könne jeder. Beim Freitauchen dagegen liefere man den eigenen Körper dem Meer aus und lerne, seine Ängste zu überwinden. "Was zählt", sagt Bernhard, "ist der Instinkt." Und irgendwann erlebe man ihn dann, diesen Moment, in dem man einfach die Luft anhält und sich der ganze Organismus beruhigt. Doch sosehr ich in den kommenden Stunden auch versuche, diese Ruhe zu spüren – es gelingt mir nicht. Je tiefer ich tauche, desto dringender meldet sich meine Lunge: Du! Musst! Atmen!

Gegen Mittag erreichen wir die Punta Chiappa, eine flache Landspitze, die im Südwesten des Kaps ins Meer ragt. Eigentlich wollten wir sie umschwimmen, doch im Norden verdunkelt sich der Horizont, in der Ferne zucken Blitze. Wir krabbeln aus dem Wasser, schälen uns aus den Neoprenanzügen und steigen über steile Treppen hinauf zum Hotelrestaurant Stella Maris. Im Schutz der Schirme genießen wir die majestätische Aussicht und bestellen eine Flasche Wasser nach der anderen, mit Kohlensäure und ohne, dazu Cola, Cappuccino, Caffè Americano, Espresso. Obwohl die Pause nicht geplant war, verweilen wir hier stundenlang, willenlos, schweigend, mit verlorenem Blick in die Weite. Schon nach zwei Tagen und Nächten in der Natur sind wir irgendwie entrückt, erschöpft, seltsam glücklich. Wir ordern Linguine agli Scampi und übertrumpfen uns gegenseitig im Lob für den Koch. Zur Verdauung ziehen wir um auf die Liegestühle – und wachen erst Stunden später wieder auf.

In der Nacht fegt kalter Nordwind über unser Lager auf den Felsen des Punta Chiappa. Ich verfluche meinen zu kleinen Schlafsack, Böen pfeifen mir in den Nacken. Nächte unter freiem Himmel – das klingt romantischer, als es manchmal ist. Am nächsten Morgen ist mein Hals steif, und ich ringe im Liegen mit der Schwerkraft. So muss sich ein gestrandeter Wal fühlen. Wir beschließen, den Tag an der Punta Chiappa zu verbringen. Sie bildet das östliche Ende des Meeresschutzgebiets, von hier können wir mit einem Boot nach Camogli abkürzen, wo unsere Tour endet. Mir ist es nur recht, die Kälte weicht mir nicht mehr aus den Knochen. Fabian dagegen geht es blendend: eine Nacht ganz ohne Mücken und Mufflons! Gleich nach dem Aufstehen taucht er zu den jagenden Zackenbarschen, verbrüdert sich mit den Mönchsfischen und trifft einen armlangen Oktopus. Diesmal fürchtet sich nicht Fabian, sondern der Tintenfisch, der sich hinter einem Stein versteckt und ängstlich aus seinen Pupillenschlitzen blickt, als Fabian ihn mit einer Unterwasserkamera fotografiert.

Irgendwann, erzählt er später auf dem Felsen, habe es klick gemacht. Plötzlich konnte er eine Minute lang unter Wasser bleiben, zehn, zwölf Meter tief tauchen, ohne an seinen Atem zu denken. Die Angst, die schmerzenden Stiche, alles vergessen! Er nennt die Fische jetzt seine Freunde, schwört, nie wieder Calamari zu essen, und sagt, dass die Farbe Blau ihn glücklich mache. Es muss wohl etwas dran sein an Bernhards Geschichte von dem Augenblick, in dem man zu einem Teil des Meeres wird.

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