Das Problem ist allerdings, dass Anke Engelke für Momente verantwortlich ist, in denen das Fernsehen nicht dumm ist, sondern schlau und schlagfertig und lustig und unterhaltsam und verrückt und grandios. Ihre Moderation beim Eurovision Song Contest vor zwei Jahren mit Judith Rakers und Stefan Raab war eine Sensation; ihre Sketchreihe Ladykracher gehört zum Besten, was das Comedy-Genre zu bieten hat; sie synchronisiert außerdem die Zeichentrickfigur Marge Simpson; für die ARD dreht sie gerade eine Reportage zum Thema "Glück"; sie moderiert die Gala der Berlinale; vom 27. Juli an ist sie im WDR die Gastgeberin der Kulturshow Anke hat Zeit; sie gilt als lustigste Frau im deutschen Fernsehen – und das jetzt schon seit über 15 Jahren. Die Frage lautet auch, wie man das schafft.

Das zweite Treffen mit Anke Engelke findet Anfang Februar statt, an einem sogenannten Promo-Tag, an dem Engelke von morgens bis abends mit Journalisten über die 3-D-Fassung des Animationsfilms Findet Nemo spricht, in dem sie einem Fisch ihre Stimme leiht. Die Filmfirma achtet darauf, dass so viele Journalisten wie möglich mit Engelke reden können, was zur Folge haben wird, dass sich einige Fragen wiederholen ("Gibt es Gemeinsamkeiten zwischen dir und dem Fisch?") und dass manche Journalisten von Engelke Privates wissen wollen ("Wie erziehst du eigentlich deine Kinder?"). Es kommen Kinderreporter, die die besten Fragen stellen und Anke Engelke duzen, es kommen Redakteurinnen von Frauenzeitschriften, die über Mode sprechen wollen und Anke Engelke duzen, und es kommen ältere Kollegen, die eigentlich keine Fragen haben und Anke Engelke duzen. Und sie hält es aus, professionell, höflich, in der kurzen Mittagspause sagt sie: "Das ist halt Teil meines Jobs."

Der Job von Anke Engelke sieht in dieser Februarwoche so aus: Nach dem Interviewmarathon muss sie am nächsten Morgen zum Frühstücksfernsehen, danach macht sie im Berliner Sea Life noch einmal Werbung für Findet Nemo und dreht nebenbei für den Kinderkanal, am Abend moderiert sie die Eröffnungsgala der Berlinale, am nächsten Tag ist das Fotoshooting mit Brigitte Lacombe für diese Geschichte. Danach: Flug nach Köln, Auftritt mit der Band "Fred Kellner und die famosen Soulsisters", in der sie seit 24 Jahren gemeinsam mit ihrer Schwester singt; in der kommenden Woche die Moderation von Unser Song für Malmö; außerdem: Talkshowauftritte, Synchronisationsjobs, Dreharbeiten. Und dann werden in einem Kölner Kino die neuen Sketche der kommenden Ladykracher-Staffel gezeigt, die Lacher des Publikums, die man dann später im Fernsehen hört, sind also echt. Ladykracher ist immer noch der Mittelpunkt im Engelke-Universum.

Anke Engelke kann verstehen, dass es Menschen gibt, die genug von ihr haben, denen sie auf die Nerven geht – Menschen, die "Ulknudel" sagen, wenn sie Anke Engelke meinen. Dazu gehören auch Menschen, die sie bewundert – aber die mit ihr nichts anfangen können. Einmal hatte sie eine Begegnung mit dem Maler Georg Baselitz, sie hat nach einem gemeinsamen Besuch seiner Ausstellung Jugendliche durch die Kunsthalle Bonn geführt, Engelke wollte einmal Museumspädagogin werden, das hat sie mehrere Semester studiert. Sie kennt das Werk von Baselitz, sie hat zu seinen Bildern eine Meinung; "Baselitz kennt meine Kunst nicht und hatte dennoch eine Meinung zu mir: Er fand mich einfach richtig doof".

Ihre Kunst. Worin besteht die genau? Was ist eigentlich ihr Beruf? Moderatorin? Schauspielerin? In den USA nennt man Menschen wie Anke Engelke Entertainer, und im Prinzip trifft das genau, was sie macht: Sie unterhält Menschen – und dafür bedient sie sich verschiedener Ausdrucksmittel. Und eines Stilmittels, nämlich der Selbstironie. Machen die wenigsten, denn Selbstironie bedeutet, die Dinge an sich ranzulassen, sich mit ihnen auseinanderzusetzen. Für den Selbstironiker gilt, was auch für den Zyniker gilt – der amerikanische Schriftsteller Ambrose Bierce hat es so formuliert: "Der Zyniker sieht die Dinge, wie sie sind, und nicht, wie sie sein sollten." Diese Wahrheit steckt in jedem Ladykracher-Sketch, weil Engelke die Frauen, die sie spielt, genau beobachtet, sie sind ihr nicht fremd. Wenn sie zum Beispiel in einem Sketch eine Ehefrau und Mutter spielt, die von ihrer kleinen Tochter zum Geburtstag etwas Selbstgebasteltes geschenkt bekommt, und die Mutter das Geschenk kritisiert und buchstäblich in der Luft zerreißt ("Was soll das sein? Eine Ente? Das ist ein verkrüppeltes Stück Holz!"), dann ist diese Figur so nah dran an Engelke, dass der Gag nur über diese Wahrhaftigkeit funktioniert.

Vor über hundert Jahren versuchte der französische Philosoph Henri Bergson in seiner Schrift Das Lachen die Komik zu definieren. "Es gibt", schreibt er, "keine Komik außerhalb dessen, was wahrhaft menschlich ist." So weit stimmt das, über ein Auto kann man nicht lachen. Bergson behauptet allerdings weiter: "Das Lachen hat keinen größeren Feind als die Emotion. Die Komik bedarf also einer vorübergehenden Anästhesie des Herzens, um sich voll entfalten zu können. Sie wendet sich an den reinen Intellekt." Und das stimmt natürlich nicht. Auf die Frage, warum Menschen lachen, antwortete der französische Schauspieler Christian Clavier einmal: "Sie haben Angst vor dem Tod." Selbstironie bewegt das Herz, wie sonst vielleicht nur die Liebe. Selbstironie wendet sich niemals an den Intellekt, immer an das Gefühl – an das eigene und an das des Gegenübers. Denn man muss die Menschen lieben, um sich über sie lustig machen zu können – um über sie zu lachen, um mit ihnen zu lachen. Man muss dem Leben bei der Arbeit zuschauen. Man muss es ernst nehmen. Das ist es, was Engelke macht.

Und dann macht sie noch etwas anderes, etwas, wofür sie womöglich gar nichts kann: Präsenz herstellen. Vor einer Kamera, vor Publikum kann sie etwas einschalten, ein Leuchten, irgendwas Unbestimmbares, jedenfalls kann sie plötzlich "da sein", während andere einfach nur anwesend sind.

Und natürlich gelingt ihr auch das Gegenteil. Ein Februarfreitag in Berlin. Anke Engelke hat am Abend zuvor die Gala der Berlinale moderiert, leicht, souverän, der Sender 3sat übertrug. Am Morgen das Fotoshooting, Engelke hat wenig geschlafen, als es nach drei Stunden vorbei ist, sitzt sie in einem Taxi zum Flughafen und wirkt klein, erschöpft, nicht ganz da. Sie telefoniert mit ihren Eltern, sie versucht sie zu überreden, zu dem Auftritt zu kommen. Im Gespräch ist sie unkonzentriert, im Wartebereich des Flughafens nickt sie kurz ein, andere Passagiere starren sie an, sie nimmt davon keine Notiz. In Köln verschwindet sie in ein Taxi, später steht sie in einem Las-Vegas-Kostüm auf der Bühne der "Kantine" und singt eines ihrer Lieblingslieder von Michael Jackson, PYT, und das Publikum klatscht und wundert sich ein bisschen über die lustige Frau aus dem Fernsehen, die da oben voller Inbrunst davon singt, dass sie jemanden lieben will, der diese Liebe braucht, Streicheleinheiten, "and I’ll take you there...". Und das Publikum ahnt in diesem Moment vielleicht, wie viel Ernst es braucht, um die Dinge nicht ernst zu nehmen.