Fünf Tage später. TUI Arena, Messegelände Hannover. Noch zwei Stunden bis zum Beginn der Liveübertragung von Unser Song für Malmö. Es ist die Generalprobe, der gesamte Ablauf wird einmal komplett durchgegangen, Engelke wirkt fahrig, sie findet Markierungen nicht, verpasst ihre Einsätze, sie scheint verloren auf der riesigen Bühne. Dann verschwindet sie in ihrer Garderobe, eine Maskenbildnerin ist bei ihr, kümmert sich um Engelkes Gesicht, um ihre Haare. Einmal kommt der Autor der Show ins Zimmer, er hat an den Moderationstexten gefeilt, sie verbessert, schreibt noch einen Gag hinein. Er reicht Engelke die Karten und verschwindet. Sie schaut die Karten durch, während die Maskenbildnerin an ihren Haaren rumfummelt. Engelke liest und nickt, dann sagt sie, dass dieser Autor einer der besten sei und dass sie das ja überhaupt nicht könne. "Ich bin nicht kreativ. Null." Noch eine halbe Stunde, dann, um Viertel nach acht, als die Übertragung beginnt, ist Anke Engelke plötzlich da. Sie hat das Publikum im Saal von Anfang an im Griff, die Gags zünden, die Menge folgt ihr, und wenn sie während eines Gesangsauftritts durch die Halle rast wegen eines Positionswechsels, dann jubeln die Zuschauer ihr zu, denn die Wahrheit ist: An diesem Abend ist sie der Star, die Leute sind gekommen, weil sie moderiert, und zu Hause haben die Leute den Fernseher angemacht, um sie zu sehen. Und alles stimmt. Sie vergisst nichts, alle Unsicherheiten der Probe sind verschwunden, sie beherrscht die Halle. Und als es vorbei ist, geht Engelke in ihre Garderobe und sagt über das Publikum: "Die waren warm. Die haben zugehört. Wenn es funktioniert, dann kickt so ein Auftritt, aber damit es funktioniert, darf es niemals so aussehen, als würde ich mich anstrengen." Sie wechselt ihr Outfit, auf der Bühne trug sie ein rotes Abendkleid, großer Auftritt, hier in der Garderobe erkennt man erst wieder, wie klein, fast zart Engelke ist. Dass sie 47 Jahre alt ist, sieht man ihr nicht an, das Mädchenhafte ist ihr geblieben, Falten – klar, sind da, aber sie fallen nicht auf. Und dann besucht sie, dem Ablauf des Abends folgend, die Pressekonferenz, bei der eigentlich Natalie Horler, die Sängerin von Cascada, die Siegerin, ihren großen Auftritt haben sollte. Aber kaum ist Engelke da, interessieren sich die Journalisten nur noch für sie, der Eurovision-Journalist Jan Feddersen will unbedingt ein Foto, ein englisches TV-Team macht ein Interview. Es scheint, als habe Deutschland gerade entschieden, Anke Engelke nach Malmö zu schicken – und nicht Cascada. Und Engelke erträgt es, eine halbe Stunde lang, dann flüchtet sie in ihr Hotelzimmer, setzt sich auf das Sofa und denkt darüber nach, ob das alles ihre Schuld sei, wählt Nummern, grübelt. Dabei isst sie eine sehr schlechte Pizza. Später telefoniert sie mit ihrem Mann, mit ihrer Tochter. Und dann redet sie über Stockinger. Eigentlich sagt sie nur einen Satz, er fällt fast bei jedem unserer Treffen: "Ich habe Stockinger alles zu verdanken, und es vergeht kein Tag, an dem ich nicht an ihn denke."

Sie geht nicht auf Partys. Sie will nicht, dass es dann heißt, Anke Engelke war auch da

Hans Peter Stockinger war ihr Chef, als sie beim Radio gearbeitet hat. Eine Legende. Einziger Programmchef des Senders SWF3, von 1975 bis 1998. 23 Jahre lang war er für den besten deutschen Popmusiksender verantwortlich, der zeitweise Rekordeinschaltquoten einfuhr. Und Stockinger war auch ein unerbittlicher Journalistenausbilder, hart, gerecht, sie nannten ihn im Sender "Stock", und es hielt sich hartnäckig das Gerücht, er sei am ganzen Körper tätowiert. Nicht wenige, die später im Fernsehen Karriere gemacht haben, sind durch die Stockinger-Schule gegangen: Claus Kleber, Frank Plasberg, Elke Heidenreich, Christine Westermann. Sie alle äußern sich noch heute voller Dankbarkeit über den Mann, der mit seinen 75 Jahren längst im Ruhestand ist. Ich erreiche ihn telefonisch, er spricht gerne über die Vergangenheit, als er mit seinem Team das Radio revolutioniert hat, als er als Erster eine Sprache gefunden hat, um auch auf Deutsch angemessen über Popmusik zu reden. Stockinger sagt: "Und Engelke war später ein Star im Umgang mit Popmusik und Sprache. Sie war so unmittelbar. Dauerte aber. Am Anfang war sie ja noch sehr schüchtern."

Er erinnert sich daran, dass Engelke in den Konferenzen immer den Platz an der Tür hatte, um schnell den Raum verlassen zu können. Und als er ihr Talent erkannt hatte und sie fragte, ob sie nicht nur die Morgensendungen moderieren wolle, sondern auch das Flaggschiff des Senders, den Pop Shop, habe sie gesagt, dass sie das nicht könne. Er hat sie dann doch überredet und erzählt folgende Geschichte: "Ich erinnere mich an einen Abend, ich war in Karlsruhe im Kino und bin auf der Schnellstraße nach Hause nach Baden-Baden. Habe natürlich Radio gehört, und an diesem Abend hat Engelke den Pop Shop moderiert. Ich musste mein Auto in einer Haltebucht parken, weil ich so begeistert war. Ich habe dann lauter gemacht und nur noch zugehört und gedacht: Das ist es. Besser geht’s nicht." Und Stockinger sagt, dass Engelke dazu neige, ihr Können kleinzureden. Das sei schon immer so gewesen. Mit Lob habe sie nie umgehen können.

Engelke kann kein Lob annehmen, aber sie kann es verteilen. Sie ist seit vier Jahren Gastprofessorin an der Kunsthochschule für Medien in Köln, als Lehrerin ist sie konstruktiv, sie lobt, kritisiert, ermuntert, am Ende des Seminars verabschiedet sie sich von jedem Einzelnen, dann gehen wir gemeinsam zu Fuß von der Hochschule in ein Café, dabei wird sie einmal um ein Autogramm und einmal um ein Foto gebeten, zwei Teenager tuscheln, ansonsten lässt Köln sie in Ruhe, vielleicht liebt Anke Engelke diese Stadt auch deshalb. Sie fährt meistens mit der Straßenbahn, und will mir jetzt Geschäfte zeigen, die sie toll findet, einen Feinkostladen, ein Papierwarengeschäft, schließlich das kleine Café, in dem es hausgemachte Törtchen zu kaufen gibt.

Wir setzen uns in den Innenhof, Engelke bestellt Wasser. Gab es Fehlentscheidungen in ihrem Leben? "Dass ich das Studium nicht abgeschlossen habe. Hätte ich gerne. Ich habe die Zwischenprüfung gemacht und dann gemerkt, dass ich zum Lernen gar keine Zeit mehr hatte. Ich hätte auch gerne eine Gesangsausbildung gemacht und ein Instrument gelernt. Weil ich mich nicht rechtfertigen möchte, wenn ich über Musik rede und irgendwer meint, ich hätte davon keine Ahnung." Wenn Engelke gefragt wird, dann schaut sie einem direkt in die Augen – wenn sie antwortet, schaut sie irgendwo anders hin. Sie sagt, sie finde es komisch, dass sie sich zu so vielen Sachen immer und immer wieder äußern müsse. Sie sagt: "Man ist dann ja ganz schnell bei der Pflicht eines Prominenten. Jetzt auch. Wie viel soll ich Ihnen erzählen? Wie viel will ich Ihnen erzählen? Mein Problem ist, dass ich professionell höflich bin. Ich versuche, nie schroff zu werden. Privat ist das anders. Wenn ich mit meiner Familie zusammen bin, und jemand macht von uns ein Handyfoto, dann gehe ich zu demjenigen hin und kann sehr bestimmt sein. Der wird sich dann natürlich wundern und denken, aber das ist doch so eine lustige, lässige... Doch das bin ich eben nicht, wenn ich freihabe." Sie macht eine Pause, dann: "Ich bin privat auf eine Art gnadenloser als im Job."

Sie nennt Beispiele, damit man sie versteht, sie möchte aber nicht, dass man die aufschreibt. Sie erzählt auch die Geschichte einer wirklich schlimmen Erfahrung mit den Boulevardmedien mit der Bitte, auch diese Geschichte nicht aufzuschreiben. Es ist, als wolle sie nicht, dass das Ernste die öffentliche Wahrnehmung ihrer Person berührt – sie will das mit sich ausmachen. Und sie muss sich schützen, deshalb geht sie nie auf Partys, auch nicht auf Partys von Freunden. Sie will nicht, dass hinterher irgendeiner erzählt, dass Anke Engelke auch da war, und dass das dann vielleicht wichtiger war als die Party. Übertreibt sie nicht ein wenig? Ist sie nicht etwas zu... "Dogmatisch? Ja, bin ich leider. Dadurch bin ich auch manchmal nicht so entspannt gegenüber anderen Meinungen und Haltungen – weil ich zu konsequent meine Haltungen durchziehe. Ich besitze ein Paar wunderschöne Turnschuhe, ich mag die wirklich sehr, aber ich kann sie nicht mehr anziehen, weil ich die mal auf einem Foto an einem Neonazi gesehen habe." Sie sagt, so etwas gehe ihr sehr nah, zu nah. "Ich habe gerade eine Anfrage auf dem Tisch, die wollen, dass ich eine Sache unterstütze, die mir tatsächlich sehr am Herzen liegt. Aber es gibt da jemanden, der diese Organisation auch unterstützt, und den finde ich nicht glaubwürdig. Deshalb kann ich da nicht mitmachen." Es ist manchmal ziemlich kompliziert, Anke Engelke zu sein.