Seit zehn Jahren unterstützt sie die Hilfsorganisation action medeor, die Medikamente dorthin liefert, wo sie am nötigsten gebraucht werden. Wenige Menschen haben von action medeor gehört, noch weniger wissen wahrscheinlich, dass Anke Engelke das Gesicht dieser Organisation ist. Wenn sie mit einer kleinen Gruppe nach Togo reist, um sich die Arbeit vor Ort anzuschauen, dann reist kein Bild- Reporter mit wie vor Kurzem mit Jan Josef Liefers nach Syrien. Engelke denkt eher einmal zu oft darüber nach, ob eine Reise wirklich sinnvoll ist. Aber bei action medeor sagen sie, dass es ihnen auf Glaubwürdigkeit ankomme – nicht auf Effekte. Und wenn man einen Tag in der Zentrale der Organisation verbringt, im beschaulichen Tönisvorst bei Krefeld, dann ahnt man, dass die Zusammenarbeit funktioniert, dass Engelke und action medeor zusammenpassen. Die Hilfsorganisation verzichtet auf große Gesten, die Spenden werden nicht für Werbung benutzt, sondern für Medikamente und medizinisches Gerät, das in Entwicklungsländer transportiert wird. Und neben der Glaubwürdigkeit bekommt action medeor von Engelke noch eine Portion Glamour. Bernd Pastors, der Vorstandssprecher, sagt: "Anke ist ein Segen für den Verein, ein großes Glück." Er sagt, sie sei bei allem, was sie tue, authentisch.

Authentisch. Nach Ansicht des großen Harald Schmidt, den Engelke verehrt, ist es ja eigentlich das gemeinste Schimpfwort unserer Tage. Aber ist Anke Engelke überhaupt authentisch? Das letzte Treffen, im Büro ihrer Managerin, dem Raum mit dem Bild und den Preisen, dem Engelke-Museum. Authentisch also. Ist sie das? "Man wird ja schnell zum Gütesiegel, wenn man sich nur da beteiligt, wo es mindestens bedeutend, schlau, gerecht oder wenigstens lustig zugeht. Also gucke ich genau hin und versuche, nur Sachen zu machen, bei denen ich kein Bauchweh bekomme. Dann kann ich das anschließend eins a verteidigen. Wenn ich selber unglücklich bin, stehe ich doch da wie ein Idiot, wenn ich mich erklären muss und rumlüge."

Engelke will nicht lügen, deshalb will sie die Dinge verstehen, besser spät als nie. So wie die Sache mit der Emanzipation. Ihre eigene kam spät, sehr spät, etwa zu der Zeit, als sie mit der Wochenshow sehr erfolgreich wurde, Ende der Neunziger, da war sie schon über 30. "Ich habe diesen Erfolg ja nie hinterfragt, das kam erst, als andere zu mir meinten: Warum sind denn da nur Männer um dich herum? Du hast ja deine Karriere komplett Männern zu verdanken, oder?" Sie hat sich dann mit Alice Schwarzer angefreundet und wegen dieser Freundschaft, so sieht sie das heute, einen Fehler begangen: Sie hat sich für ein Titelbild der Zeitschrift Emma mit ihrer Tochter fotografieren lassen, im Frühjahr 1999. "Ich war naiv – und ich bin immer noch naiv, es gibt so viele Dinge, über die habe ich noch gar nicht nachgedacht. Das ist auch Selbstschutz – dass man manche Dinge nicht hinterfragt, vor allem, wenn man selbst in den Fokus rückt. Mich interessiert mehr, was ich von mir will, und nicht, was ich bin."

Sie sagt, sie habe sehr spät eine Haltung zu den Dingen entwickelt, so wie vieles in ihrem Leben spät passiert sei. "Ich hatte keine wilde Teenagerzeit. Musste ich dann nachholen." Sie meint ihre Männergeschichten mit wilden Kerlen wie dem Brachialmoderator Niels Ruf oder dem Autor Benjamin von Stuckrad-Barre. "Getobt" habe sie mit denen, so nennt Anke Engelke das heute. Sie sagt aber auch, damals sei sie "verloren" gewesen, ohne dieses Verlorensein zu erklären. Manchmal sagt sie "dieses Männer-Ding" und bleibt auch da unkonkret. Aber vielleicht will sie sich einfach nicht mehr über die Männer in ihrem Leben definieren lassen, zu schmerzhaft musste sie erfahren, welche Macht Männer über sie haben können. In den achtziger Jahren, als sie schon das Jugendprogramm beim ZDF moderierte, sagte Markus Schächter, der damalige Unterhaltungschef und spätere Intendant, sie könne ja jetzt studieren, aber er meinte: Sie sei zu dick fürs Fernsehen – und sie solle mal eine Pause machen. Zu dick fürs Fernsehen – Engelke ging dann eben zum Radio, und als sie sich nicht mehr dick fühlte, begann sie in der Wochenshow bei Sat.1.

Natürlich war Engelke niemals dick, und heute sagt sie, sie habe diese Sache mit Schächter geklärt, das sei vorbei, vergessen. Und dann sagt sie: "Was ich bis 35 gemacht habe, das zählt irgendwie nicht. Was danach kommt, dazu muss ich stehen." Als sie 35 war, drehte sie die hochgelobte Sitcom Anke, die allerdings nach zwei Staffeln eingestellt wurde. Danach startete Ladykracher – bis heute ihr erfolgreichstes Format. Sie drehte mit Olli Dittrich das fantastische Blind Date – und bekam den Sendeplatz von Harald Schmidts Late-Night-Show.

Aber Anke Late Night lief nur fünf Monate. Die Quoten waren schlecht, die Kritiken vernichtend. Ältere Kollegen äußerten sich verächtlich. Wenn Engelke heute darüber spricht, schlägt ihre Stimmung um, sie spricht leiser, sie nennt das, was damals passiert ist, "mein Desaster". Woran ist sie gescheitert? "Ich konnte das einfach nicht", sagt sie. "Late Night heißt, dass der Moderator rausgeht, vor dem Publikum steht und erst mal eine Viertelstunde Witze erzählt. Diese Viertelstunde habe ich nicht hingekriegt." Diese Erfahrung hat weder sie noch ihre Karriere zerstört. Sie hat aus dieser Geschichte gelernt, weil sie verstehen will, warum etwas nicht funktioniert – so wie sie immer auch wissen will, warum etwas funktioniert. "Ich schaue oft von außen auf mich selbst, aber manchmal fällt es mir schwer, etwas zu erkennen. Dann zweifle ich an mir, zögere..." Da ist sie wieder, diese Ernsthaftigkeit, die sie nicht behindert, sondern die vielleicht alles erst möglich macht.

Wenn Anke Engelke nach Hause kommt, dann sieht sie in ihrer Straße einen Magnolienbaum, und manchmal fragt sie sich, wie oft sie es noch erleben wird, dass er blüht. "Seit ich 13 bin, habe ich dieses Gefühl für Endlichkeit, dafür, dass die Dinge nicht für ewig sind." Sie sagt, ihr Terminplan für 2014 sei fertig. Sie sagt, sie sei glücklich. Sie meint das ganz im Ernst.