In den meisten Publikationen der letzten Wochen, die sich um Edward Snowdens Enthüllungen drehten, werden Überraschung und Empörung darüber zum Ausdruck gebracht, dass das Internet von der NSA und anderen Sicherheitsdiensten als Medium der quasitotalen Überwachung benutzt wurde und wird. Die Empörung ist sicherlich berechtigt. Aber es lohnt sich, zu fragen, warum die Überraschung so groß ist.

Als das Internet gerade entstanden war, wurde es als ein Kommunikationsmedium gefeiert, das jedem Individuum die Möglichkeit gibt, sich jenseits aller Institutionen und der mit ihnen verbundenen Selektion und Zensur direkt an die globale Öffentlichkeit zu wenden. Als Internetnutzer braucht man keine Verlage mehr, um seine Texte weltweit bekannt zu machen. Und man braucht keine Galerien oder Museen, um seine Bilder auszustellen. Alles, was der User ins Internet stellt, wird in Echtzeit für alle anderen User weltweit zugänglich.

Die globale Zugänglichkeit der Internetdaten ist allerdings bloß ein anderer Name für die Fähigkeit des Internets zur totalen Selbstüberwachung. Im Netz gibt es keine Operation, die nicht zumindest potenziell identifizierbar wäre. Jede Kommunikation wird im Moment ihres Vollzugs automatisch archiviert. Man weiß sehr wohl, dass man im Internet auch dann beobachtet werden kann, wenn man Verschlüsselungscodes oder Passwörter benutzt, denn selbst die verschlüsselte Kommunikation hinterlässt Spuren, die es erlauben, diese Kommunikation zu rekonstruieren.

Freilich konnten Kommunikationen auch früher durch Verschriftung dokumentiert und archiviert werden. In dieser Hinsicht hat das Internet den Umfang der Verschriftung zwar radikal vergrößert, aber die schon vorhandene Entwicklung nur fortgesetzt. Es gibt aber eine Art der Überwachung, die völlig neuartig ist und erst durch das Internet möglich geworden ist. Das ist die Überwachung nicht der Aktion und Kommunikation, sondern die der Kontemplation.

In der analogen Welt hinterlässt unser Blick keine Spuren auf dem Bild, das wir betrachten, oder auf dem Text, den wir lesen. Diese Spurlosigkeit des Blicks ist der eigentliche phänomenologische Grund für die Entstehung aller möglichen Theorien vom immateriellen, rein geistigen Subjekt, das vom materiellen Objekt seiner Betrachtung durch eine metaphysische Distanz getrennt bleibt. Dagegen entsteht im Internet jene Blickspur, die in der analogen Realität fehlt. Um ein Bild oder um einen Text im Internet anschauen zu können, muss man dieses Bild oder diesen Text anklicken – und das wird in Echtzeit registriert. Es wird auch registriert, ob das jeweilige Bild und der jeweilige Text vergrößert, verkleinert, fragmentiert, kontextualisiert oder irgendwie anders bearbeitet worden sind. Damit kann der Vorgang der Kontemplation relativ genau rekonstruiert werden. Der Blick wird materialisiert, operationalisiert und beginnt Spuren zu hinterlassen. Eine Blickspur zu produzieren ist bei vielen Menschen inzwischen sogar zur psychologischen Notwendigkeit, zu einem inneren Zwang geworden. Wenn unsere Zeitgenossen in der analogen Wirklichkeit etwas beobachten, nehmen sie das Gesehene meistens sofort als Foto oder Video auf – und stellen diese Bilder ins Internet. Facebook und andere Soziale Netzwerke bieten zusätzlich die Möglichkeit der Selbstbetrachtung. Sie sind zu Orten der Beichte und der Selbstanzeige geworden, in denen die User sich dem Internetblick stellen und sich dabei seelisch und oft auch körperlich entblößen. Das Internet wird somit von seinen Usern nicht nur als Medium der Kommunikation, sondern auch als Medium der Selbstbeobachtung, Selbstreflexion und des Erinnerungsvermögens benutzt. Allerdings wird hier die individuelle Selbstbeobachtung ebenfalls erst durch die totale Selbstüberwachung des Internets ermöglicht. Jede Sichtbarkeit im Internet ist eine geliehene, sekundäre Sichtbarkeit. Der Internetnutzer kann nur das sehen, was das Internet ihm zu sehen gibt – und nur dann, wenn dieser User zunächst sich selbst dem Internetblick offenbart hat.

Aber wenn wir uns als Internetbenutzer ständig der Beobachtung durch das Internet stellen, woher kommt bei vielen das Gefühl des Erstaunens und der Empörung, wenn sie jetzt lernen, dass wir tatsächlich beobachtet werden? Das Internet entstand in der Zeit, in der die postmodernen Diskurse die Köpfe der Menschen mit verschiedenen Figuren der Unendlichkeit bevölkert haben: die unendlichen Spiele der Signifikanten, die Ströme des Begehrens, die Arbeit der Dekonstruktion et cetera. In diesen unendlichen Flüssen und Spielen schien die endliche menschliche Subjektivität aufgelöst zu sein. Unablässig schrieb man über den Tod des Subjekts, des Autors, des Menschen überhaupt – und auch über die unendlichen, unübersichtlichen Datenflüsse, die durch das Internet stürmen und in denen sich jedes Subjekt verliert, mit allen utopischen und dystopischen Konsequenzen dieses Selbstverlustes. Umso mehr wurde die Welt schockiert, als sie entdeckt hat, dass das Internet als Ganzes keineswegs unübersichtlich ist und dass der Internetblick auch Augen hat. Dass der Internetblick nicht nur neutral beobachtet, sondern analysiert und bewertet, war die eigentliche Überraschung.