Was ist das für ein Geschenk? Ist es eines? Schwere Kisten, gefüllt mit 420 Büchern aus Hamburg, Germany, für die amerikanische Urenkelin von Helene und Ignaz Petschek aus Böhmen. Was die Urgroßeltern im einstigen Städtchen Aussig so lasen und für die Kinder anschafften: die mehrbändige Volkstümliche Geschichte der Juden, Historisches und Philosophisches in Englisch und Französisch.

Seit 1943 ist das im Bestand der Hamburger Staatsbibliothek gewesen. Auf die Anfrage der NS-Reichstauschstelle Berlin, ob man die Petschek-Bibliothek haben wolle, hatte die Antwort aus Hamburg gelautet: "Im ganzen sehr erwünscht!" Die jüdische Familie Petschek, Großindustrielle im böhmisch-tschechischen Kohlenhandel, Bankiers in Prag, die mit ihrem Geld Kultur und Bildung gefördert hatten, war es nicht. Das Prager Petschek-Bankhaus nahm sich 1938 die Gestapo zum Hauptquartier. Besitz und Vermögen teilte sich die Naziregierung mit Friedrich Flick und der Dresdner Bank. Nichts davon wurde bislang rückgängig gemacht. In jedem Buch das Exlibris der Familie. Daneben das Signaturschild der Hamburger Staatsbibliothek. Woran erkennt man solch Raubgut? Man erkennt es nicht. Man kann es befürchten. Oder man denkt lieber nicht, was so naheliegt. In Akten deutscher Archive, Staatsbibliotheken, Museen steht allerdings noch heute zu lesen: "Lieferant Gestapo-Zugänge" und ähnlich Entlarvendes.

Als 1951 die Hamburger Kulturbehörde nach solchen Büchern fragte, war just vorher die Philosophin Hannah Arendt vorbeigekommen, beauftragt von der Jewish Cultural Reconstruction, New York. Hunderte von Bücherkisten hatte sie überall im Land gefunden, darunter wertvolle Judaica. In Israel hätte man sie dringend gebraucht. Im Jahre 1998 dann die Washingtoner Konferenz zum Thema. "Es sollten Anstrengungen unternommen werden", hieß es. Seit 2006 sucht die Hamburger Staatsbibliothek nach Erben, um den Besitz zurückzugeben. Viel war es bislang nicht. Mal hier, mal da ein Buch. Findet sich ein Kontakt, ist die erste Reaktion auf jüdischer Seite oft Ablehnung. Die Nachgeborenen schleppen geerbte Gefühle mit sich: "Was wollen die Deutschen von uns?"

Die bislang größte Restitution aus Hamburg ist nun für diese Woche angesetzt: die Übergabe von 420 Büchern aus der Bibliothek Petschek an Urenkelin Nancy Petschek-Kohn aus Westchester, USA, wo sie Leiterin eines Programms ist, das Jugendliche für die verheerende Wirkung von Vorurteilen sensibilisiert.

70 Jahre hat es gebraucht. Maria Kesting von der Hamburger Staatsbibliothek: "Es ist ein beglückendes Gefühl, dass man es zurückgeben kann." Auch ein Verlust? "Diese Bücher gibt es zigtausendfach." Digitalisiert aber hat man die Bände. "Die sind ja alle längst rechtsfrei."