J. K. Rowling, die unsterbliche Erfinderin von Harry Potter, hat ein Experiment angestellt, das leider zu früh aufgeflogen ist, um seine volle Wahrheit zu entfalten. Sie hat im April den Krimi A Cuckoo’s Calling unter dem Pseudonym Robert Galbraith veröffentlicht. Das Experiment hat etwas bescheiden Lässiges, aber auch etwas von Hybris. Bescheiden, weil man es so lesen kann: "Ich will einfach mal einen Roman ohne diesen ganzen Medienrummel schreiben." Hybris, weil sich dahinter so etwas wie die Wette auf den ultimativen Selbstbeweis der eigenen Genialität verbirgt: "Seht her, egal, was ich anfasse, es wird zu Gold."

Wie gesagt, dem Experiment war die volle Laufzeit nicht vergönnt. Die Sunday Times hat das Geheimnis gelüftet. Gleichwohl bleibt als vorläufiges Testergebnis: Seit Mai haben sich exklusive 1500 Exemplare des Pseudonym-Krimis verkauft. Seit J. K. Rowling enttarnt ist, führt sie hingegen das Amazon-Ranking in England wieder an. Es ist also nicht alles Gold, was J. K. Rowling anfasst. Es wird aber alles zu Gold, unter das sie ihren Namen setzt. Vielleicht hat sie, ungeduldig mit dem Schicksal ihres Krimis, der Sunday Times einen Wink gegeben?

Die literarische Blindverkostung hat in England positive Kritiken bekommen. Rowling zeigt sich in A Cuckoo’s Calling als souveräne Genrevirtuosin. Alles ist grell überzeichnet, man ist sofort drin und fährt durch den Text wie ein Snowboarder durch Neuschnee. Das liegt vor allem daran, dass alles, was ihre Figuren tun, wohlvertraute Kolportage-Versatzstücke sind. Witzig verschraubt, aber ohne Originalität. Mit Harry Potter hat Rowling ein eigenes Genre mit eigenem Tonfall bis in die Syntax erfunden. Mit diesem Krimi hat sie nur ein Genre sauber bedient.