Das Stadtarchiv ist gefährdet. Gerne wird es übersehen oder vergessen im Mikrokosmos Stadt. Die Menschen fürchten es nicht wie das Finanzamt, sie lieben es nicht wie das Schwimmbad, sie achten es nicht wie das Rathaus.

Das Stadtarchiv, das ist der Dodo unter den öffentlichen Gebäuden, eine aussterbende Art: Keiner macht sich Gedanken darüber, solange es existiert. Doch wenn es dann auf einmal nicht mehr da ist, glaubt jeder zu wissen, was er daran gehabt hat. So zumindest war es in Köln, meiner Heimatstadt.

Als dort das Stadtarchiv einstürzte, war das für Köln mehr als eine Blamage, es war eine Tragödie. Köln, hieß es deutschlandweit, bringe es nicht einmal fertig, eine U-Bahn zu bauen, ohne sich selbst seine Geschichte abzugraben. Und irgendwie stimmte es ja: Kölns Stadtarchiv war eingestürzt, weil man versucht hatte, einen Tunnel darunter zu graben.

So weit darf und kann es in Zwickau nicht kommen. Zwickau hat keine U-Bahn und wird wohl auch keine bekommen. Dennoch droht in Zwickau nun das Stadtarchiv einzustürzen. Seit einigen Wochen ist es für Publikum geschlossen. "Bereits seit Jahren", heißt es in einer Stellungnahme der Stadt, habe man "befürchtet, dass die statischen Bedingungen dem Gewicht auf Dauer nicht gewachsen sein könnten". Doch da man nicht so genau wissen konnte, was man nicht so genau wissen wollte, beließ man es auch über Jahre beim Konjunktiv und tat – absolut gar nichts.

Als Kölner kennt man das. Da ist der bürokratische Konjunktiv seit Anbeginn der Zeit stadtplanerische Handlungsmaxime. Da befürchtet man seit Langem, dass in der Innenstadt auf jede freie Studentenbude ohne Fenster, Küche und Heißwasser irgendwann drei Dutzend Erstsemestlerinnen kommen. Tut aber als Stadt dagegen absolut gar nichts. Da befürchtet jeder Kölner den Verkehrsinfarkt. Und wie reagieren die Verantwortlichen? Absolut gar nicht – erst einmal. Dann fangen sie plötzlich hektisch an zu buddeln, weil nun bis gestern eine U-Bahn hermuss. Das Problem jedoch ist: Man kann es eben nicht. Stattdessen gräbt man so lange an den neuralgischen Punkten der Stadt, bis sie in sich zusammenfällt.

Wie wohltuend dagegen die sächsische Gelassenheit. Da wird nun angesichts des wohl nicht mehr zu rettenden Stadtarchivs erst einmal geprüft, ob es unbedingt ein Neubau sein muss – oder ob man nicht ein anderes Gebäude nutzen kann. In Köln dagegen fängt man, wenn man anfängt, immer erst mit dem Bau an, dann kommt die Prüfung, auf diese folgen der Abriss und der Wiederaufbau. Das ist der rheinische Weg.

In Zwickau resultiert die größte Gefahr für das Stadtarchiv nicht aus einer Melange aus Lähmung und Hyperaktivität, sondern aus etwas gänzlich Unrheinländischem – dem Streben nach Wissen. Ein Sprecher des Stadtarchivs bestätigt: Sein Haus sei in manchen Abteilungen um bis zu 60 Prozent überlastet. Es drohe unter seinen angesammelten Informationen zusammenzubrechen. Köln könnte so etwas nie passieren. Da wird nicht gewusst, da wird geglaubt. So glaubt der Kölner etwa, dass sein Dom der Nabel der Welt ist. Eine bestätigende Urkunde kann ihm also nur mitteilen, was für ihn eh außer Frage steht. Deshalb besteht für den Kölner auch kein Zwang, irgendetwas aufzubewahren. Macht sich dennoch jemand die Mühe, hat der Kölner aber nichts dagegen: Man muss auch gönnen können!