DIE ZEIT: Seit der von Ihnen 1991 initiierten Wirtschaftsöffnung sind in Indien mehr als 40 Millionen Kinder an Unterernährung gestorben. 1,7 Millionen waren es im Jahr 2011. Sie selbst haben diese Unterernährung als Schande für Indien bezeichnet. Trotzdem halten viele Indien für ein reiches, sich schnell entwickelndes Land. Haben sie unrecht?

Montek Singh Ahluwalia: Indien entwickelt sich schnell, aber wir sind nicht reich. Tatsächlich ist das Ausmaß der Unterernährung unter indischen Kindern sehr hoch, zu hoch für unser Einkommensniveau. Wir hätten dieses Problem energischer anpacken müssen und versuchen das auch.

ZEIT: Was haben Sie versäumt?

Ahluwalia: Unterernährung hat viele Ursachen. Niedrigsteinkommen, die keine ausreichende Ernährung zulassen, sind nur eine. Ein Problem ist das junge Alter der Mütter, wenn sie ihr erstes Kind bekommen. Das ist eine Folge des frühen Heiratsalters in traditionellen Dorfgemeinschaften. Je früher eine Mutter ihr Kind bekommt, desto größer ist in der Regel die spätere Unterernährung. Ein weiterer Grund ist der Mangel an Wasser und sanitären Anlagen. Aber auch schlechte Ernährungsgewohnheiten spielen eine Rolle. Zum Beispiel ist es in Indien nicht üblich, das Neugeborene sofort an die Brust zu legen.

ZEIT: Sorgt nicht auch die Kastendiskriminierung dafür, dass Menschen verhungern?

Ahluwalia: Wir haben in den vergangenen zehn Jahren viel mehr für die Armen getan, als heute ersichtlich ist. Wir haben erfolgreich die Kinderlähmung bekämpft, die Kindersterblichkeit ist gesunken.

ZEIT: Die Kindersterblichkeit liegt in einem Bundesstaat wie Madhya Pradesh so hoch wie sonst nur im ärmsten Afrika.

Ahluwalia: Alle indischen Zahlen variieren stark. Wenn die Inder der Zukunft optimistisch entgegensehen wollen, schauen sie auf den Bundesstaat Kerala. Wenn sie schwarzsehen wollen, gibt es Bundesstaaten, die weit unter dem Durchschnitt liegen.

ZEIT: Während des letzten Fünfjahresplans wuchs die Wirtschaft in Indien um acht Prozent, die Armut sank nur um 0,8 Prozent.

Ahluwalia: Diese Zahl stammt aus unserer Zwischenauswertung des Plans. Wir selbst empfanden das als unzureichend. Aber nach neueren Untersuchungen lag der Armutsrückgang in den vergangenen Jahren bei durchschnittlich zwei Prozent. Da ist viel passiert. Natürlich verlangen die Leute mehr. Das ist gut. Wir haben 120 Fernsehsender. Sie und die Presse haben die Armut in jede Wohnstube gebracht.

ZEIT: Sie selber sprachen von Schande.

Ahluwalia: Ich sage auch, dass sich viel mehr Inder der Armut bewusst sind, obwohl die Armut gesunken ist.

ZEIT: Von einer Weltmacht erwartet man mehr.

Ahluwalia: Wir haben nie von uns als Weltmacht gesprochen. Wenn wir weiter schnell wachsen, könnten wir bis 2030 ein mittleres Einkommensniveau erwirtschaften. Dann wird von der Armut nichts mehr zu sehen sein.