DIE ZEIT: Frau Dallas, Sie werden im September 88 Jahre alt. Wie hat sich Ihr Körper heute beim Aufstehen gefühlt?

Othella Dallas: Sie meinen, ob ich mein Alter spüre? Das tue ich nicht. Ich habe Probleme, weil ich eigentlich etwas von meinem hohen Alter spüren sollte.

ZEIT: Warum sollten Sie deshalb Schwierigkeiten haben?

Dallas: Weil man mit 87 wirklich das Alter spüren sollte.

ZEIT: Sind Sie nie müde?

Dallas: Nein. Ich hasse das Wort.

ZEIT: Andere Menschen in Ihrem Alter sitzen im Heim und warten auf die letzte Stunde. Sie hingegen unterrichten regelmäßig in Ihrer Tanzschule in Basel.

Dallas: Tanzen und Singen ist alles, was ich immer wollte. Tut man, was man will, macht das glücklich – und alt.

ZEIT: Ist das Leben wirklich so einfach?

Dallas: Heute Mittag kam eine Frau in die Tanzstunde. Sie war nicht gut drauf, hatte irgendein Problem im Büro. Irgendwann sagte ich zu ihr, sie solle aufhören, mit dem Kopf zu tanzen, solle mehr auf den Bauch hören. Und dann ist es geschehen: Die Frau ist plötzlich aus sich herausgekommen, tanzte weniger perfekt, dafür mit Gefühl.

ZEIT: Das Leben ist keine Tanzstunde.

Dallas: Aber derart schnelle Veränderungen im Menschen, davon bin ich überzeugt, schafft nur das Tanzen.

ZEIT: Wie fühlen Sie sich nach einer Tanzstunde?

Dallas: Wie getauft. Wie neu geboren.

ZEIT: Haben Sie nie Schmerzen?

Dallas: Doch, in den Beinen manchmal.

ZEIT: Hassen Sie das?

Dallas: Nein, ich liebe Schmerzen. Wenn ich Schmerzen habe, weiß ich, ich habe gut trainiert.

ZEIT: Sind die Schweizerinnen und Schweizer gute Tänzer?

Dallas: Sie sind perfekt.

ZEIT: Wirklich?

Dallas: Ja, die Schweizer sind zu perfekt. Wenn du tanzt, musst du deine Seele, dein Herz, deinen Bauch spüren. Es nützt nichts, wenn du die Schritte perfekt kannst, aber du nicht in dich gehst, kein Gefühl für deinen Körper entwickelst.

ZEIT: Wir Schweizer haben zu wenig Gefühl?

Dallas: Moment, wenn ich jetzt mit Ja antworte, bringt mich das in Schwierigkeiten. Sagen wir es so: Es ist mit den Jahren besser geworden, weil die Menschen mehr reisen, dadurch andere Kulturen kennenlernen und sich öffnen konnten.