Aus 100.000 Dollar 40 Millionen gemacht! In nur drei Jahrzehnten! Jede Woche kann man auf dem Kunstmarkt solche Geschichten hören, Geschichten, die nicht unbedingt von großer Kunst, aber doch von großen Wertzuwächsen erzählen. Da hat einer in den siebziger Jahren ein Gemälde von Jackson Pollock gekauft und konnte es jetzt für das 400-Fache des Kaufpreises versteigern. Ein anderer kaufte einst ein Porträt von Francis Bacon für 150 Pfund, jetzt ist es zehn Millionen Pfund wert. In Zeiten, in denen Sparbücher und Tagesgeldkonten höchstens ein, zwei Prozent Zinsen pro Jahr abwerfen, machen solche Geschichten die Kunst selbst für Anleger interessant, die nie ins Museum gehen. Doch wie kann man sein Erspartes in dem Spezialmarkt der Kunst anlegen?

Kunstfonds sind der Versuch, auch kunstfernen Menschen eine Anlagemöglichkeit am Markt zu bieten – allerdings meist nur solchen Interessenten, die über ein beträchtliches Vermögen verfügen. Bislang sind Kunstfonds jedoch fast immer gescheitert. Vor wenigen Tagen erst gab die traditionsreiche Hamburger Privatbank Berenberg bekannt, dass es ihren im November 2012 angekündigten Berenberg Art Capital Fund nun doch nicht geben wird. Fünfzig Millionen Euro sollten eingesammelt werden, um von dem Geld bis zu zweihundert Kunstwerke zu kaufen. Nach sieben Jahren sollten die Kunstwerke wieder verkauft werden – die Rendite wurde auf sieben bis neun Prozent pro Jahr geschätzt. Die Mindestbeteiligung am Fonds lag bei 100.000 Euro. Den Kunstkauf zu Spekulationszwecken sollte die jetzt ebenfalls aufgelöste Berenberg Art Advice GmbH organisieren, deren Geschäfte von einem Berenberg-Banker sowie dem Kunstberater Helge Achenbach und dem Ex-Kunstversicherer Stefan Horsthemke geführt wurden. Horsthemke sprach noch vor wenigen Monaten in einem Interview von zehn Millionen Euro, die man bereits gesammelt habe. Und jetzt das plötzliche Ende. Es hätten sich, so der Sprecher der Bank auf Anfrage der ZEIT, zu wenige Interessenten gefunden. Außerdem hätte man den Fonds wegen einer anstehenden Gesetzesänderung juristisch nachjustieren müssen – ein erheblicher Aufwand, der die Kosten für Fonds und Anleger erhöht hätte.

Dutzende von ähnlichen Projekten sind auf der ganzen Welt bereits gescheitert, darunter auch einige, deren Modell man eher als Betrug denn als Form seriöser Geldanlage bezeichnen kann. Meistens straucheln Kunstfonds entweder an zu wenig Finanz- oder an mangelndem Kunstwissen. Die Berenberg Bank aber hatte, so schien es, eigentlich alles richtig gemacht: Finanzen sind ihr Thema, und mit Achenbach und Horsthemke hatte sie zwei auf dem deutschen Markt erfahrene Kunstmarktexperten ins Boot geholt. Achenbach gilt als einer der ersten Kunstberater in Deutschland, Horsthemke hat als Manager jahrelang bei dem Kunstversicherer Axa gearbeitet und kennt aus dieser Zeit viele Privatsammlungen. Ein Wissen, das in dieser diskreten Branche viel Geld wert ist. Als externen Partner hatte man zudem Philip Hoffman gewonnen, der in London den weltweit bisher wohl einzig erfolgreichen Kunstfonds betreibt. Das "wohl" muss man an dieser Stelle einschieben, da Hoffman seine Fonds noch nicht alle komplett "realisiert", die Kunstwerke also noch nicht alle verkauft hat.

Der Insiderhandel ist auf dem Kunstmarkt nicht verboten

Philip Hoffman hatte zunächst bei der Beratungsfirma KPMG, dann lange im Management von Christie’s gearbeitet, bevor er seine Firma The Fine Art Fund Group gründete. "Wir starteten mit 13 Millionen Dollar Investitionskapital und verwalten heute Assets im Wert von etwa 213 Millionen Dollar", sagt Hoffman. Etwa hundert Investoren aus der ganzen Welt haben seiner Firma Geld anvertraut. Mit 45 Mitarbeitern verwaltet Hoffman nicht nur seinen Fonds (Mindestbeteiligung 500.000 Dollar), sondern auch einzelne Privatsammlungen – bei Hoffman heißen sie "Konten". Die Firma habe seit ihrer Gründung 2004 Kunst im Wert von etwa hundert Millionen Dollar verkauft und dabei im Schnitt 15 Prozent Rendite pro Jahr pro verkauftem Kunstwerk erzielt, sagt Hoffman. Er verlangt zwei Prozent Managementgebühren im Jahr plus eine Beteiligung bei Gewinnen über sechs Prozent. Etwa 150 Kunstwerke von rund hundert Künstlern besitzt die Firma heute, von Picasso über Canaletto bis George Condo. Mit einer Streuung der Kunstkäufe versucht man das Risiko zu vermindern – wenn die Preise für Christopher Wool einbrechen, kann man sich mit der Kunst von Bridget Riley absichern. Fünf Prozent der Kunstwerke des Fine Art Fund sind für eine Gebühr an Investoren ausgeliehen, der Rest lagert in einem Depot. Einige Kunstwerke werden sich am Ende wohl nicht mit dem erhofften Gewinn verkaufen lassen, bei den Werken der Altmeister mache man laut Hoffman nur zwei bis drei Prozent Gewinn pro Jahr. Selbst Hoffman scheint mehr Umsatz mit der Beratung von Privatsammlern als mit seinem Fonds zu machen. Genau lässt sich seine Fine Art Fund Group nicht in die Zahlen schauen, sogar die "Frequently Asked Questions"-Sektion ihrer Internetseite ist passwortgeschützt.

Warum also will niemand Geld in Kunstfonds stecken? Warum sperrt sich die Kunst gegen diese Form der Spekulation? Mit der Widerständigkeit der Kunstwerke selbst hat das wohl wenig zu tun, eher schon mit der Verfasstheit dieses Marktes. Das sieht auch Jürgen Raeke so. In den vergangenen Jahren hat er sich akribisch in den Kunstmarkt eingearbeitet. Raeke beschäftigt sich als Geschäftsführer der Berenberg Private Capital GmbH mit Anlagen in Sachwerten, von Immobilien über Parkhäuser bis zu Ackerland und Wald. Von diesen Märkten unterscheide sich das Geschäft mit der Kunst jedoch durch eine große Intransparenz, durch einen sehr ungleich verteilten Informationsstand und eine sehr begrenzte Anzahl von Mitspielern. Der Insiderhandel ist auf dem Kunstmarkt nicht verboten, die Preise auf öffentlichen Auktionen können leicht durch die Vertreter der Künstler manipuliert werden. "Das ist eine andere Welt, die teilweise schon suspekt ist", sagt der Banker Raeker. So geheimnisvoll wie auf dem Kunstmarkt seien die Gepflogenheiten sonst nur auf dem internationalen Diamantenmarkt – doch könne man sich auf diesem immerhin relativ leicht auf den Wert eines Diamanten einigen.

Und so ist es nicht nur die Intransparenz des Kunstmarktes, die das Feld für Fondsmanager so schwierig macht, sondern auch die komplizierte Frage nach dem – fiktiven – Wert der Kunst. In die Rekordpreise der Auktionshäuser ist immer auch das symbolische Kapital der Kunst und des Kunstkaufs eingerechnet: Das Ersteigern eines bestimmten Kunstwerks ist ein Akt, mit dem man seine Zugehörigkeit zu einer Elite beweisen kann oder sich innerhalb dieser Elite distinguiert. Wer aber bloß einen Fondsanteil kauft und nicht das Bild von Francis Bacon selbst, der kann von diesem symbolischen Kapital nicht profitieren. Und selbstverständlich auch nicht davon, was Banker die "emotionale Rendite" nennen. Jene Erfahrung also, die der Mensch beim Betrachten von Kunst macht.