DIE ZEIT: Herr Scherzer, was muss man wissen, um Siegfried Pitschmann zu verstehen?

Landolf Scherzer: Dass er Uhrmacher war. Den Beruf hatte er gelernt – lange bevor er Schriftsteller wurde. Und das passte wunderbar zu ihm. Nicht nur wegen seiner feingliedrigen Hände. Es passt auch zur Sprache seiner Texte, die unglaublich genau und filigran gearbeitet sind. Wir haben immer wieder zusammengesessen und über das Schreiben gestritten, oft ging es um Details.

ZEIT: Wie muss man sich das vorstellen?

Scherzer: Einmal sprachen wir über eine Regel, die ich mir auferlegt habe: dass ein Satz in einem Text nur dann seine Berechtigung hat, wenn der nachfolgende Satz ohne ihn nicht funktionieren würde. Pitschmann ging nach Hause und nahm sich über Nacht das Manuskript von Stellwerk vor, seinem unvollendeten Lebensroman.

ZEIT: Er überprüfte es auf diese Regel hin?

Scherzer: Ja, am nächsten Tag kam er mit ein paar Seiten des Buchs an und sagte: "Landolf, ich habe mal nachgeguckt, ob da ein Satz drin ist, der überflüssig sein könnte."

ZEIT: Und?

Scherzer: Einen einzigen Halbsatz empfand er als streichenswert. So genau funktionierte das Räderwerk dieses Uhrmachers.

ZEIT: Warum ist er als Autor dennoch in Vergessenheit geraten, anders als Brigitte Reimann?

Scherzer: Schwer zu sagen. Vielleicht, weil seine Themen nicht so viel Zündstoff enthielten wie ihre. In Franziska Linkerhand schrieb Brigitte Reimann klar und deutlich, was ihr an der DDR nicht passte. Daniel, wie wir Freunde Pitschmann ja nannten, umschrieb die Dinge eher liebevoll, seine Bücher waren nicht vordergründig brisant. Die Leute stürzten sich damals auf alles, was DDR-Wirklichkeit ungeschönt darstellte. Autorinnen wie Brigitte Reimann hatten deshalb großen Erfolg. Anders als der weiche, sensible Daniel.

ZEIT: Er schrieb langsam.

Scherzer: Es gab Zeiten, in denen schrieb er gar nichts. In denen lief es einfach nicht.

ZEIT: Warum?

Scherzer: So genau kann das keiner erklären. Er war viermal verheiratet, hatte auch persönliche Probleme. Das sind Dinge, die bei sensiblen Menschen Schreibblockaden auslösen können. Seine längste Schreibpause – an den Veröffentlichungen gemessen – zog sich von 1982 bis 2000, über 18 Jahre! Davon verbrachte er acht Jahre in Rostock, 1990 zog er ja nach Suhl.

ZEIT: Sie haben ihn damals in Ihre Stadt geholt.

Scherzer: Es war in der DDR ja nicht leicht, eine Wohnung zu bekommen. 1988 wollte er weg aus Rostock, zurück in seine Thüringer Heimat; eben auch, weil er hoffte, ein Ortswechsel könnte gegen die Schreibblockade helfen. Weil ich damals Vorsitzender des Schriftstellerverbands hier in Suhl war, rief er mich an. Also kümmerte ich mich um eine Wohnung. Es dauerte zwei Jahre, bis wir etwas Schönes gefunden hatten, in einem dreigeschossigen Neubau. Ich half ihm beim Einzug.

ZEIT: Da war die DDR schon in der Abwicklung.Wie hat er sich eingefunden in Suhl?

Scherzer: Er hat sich wieder mit Arbeitern umgeben, nicht nur mit Schriftstellern. Er kehrte damit zu seinen Wurzeln zurück: Einst war er Tagelöhner gewesen und Arbeiter im Kraftwerk Schwarze Pumpe – noch bevor er Brigitte Reimann kennenlernte. In Suhl verbrachte er viele Abende in einer Kneipe namens Sohle. Er hatte seinen festen Platz am Fenster, mit Blick auf die Straße, kein anderer durfte dorthin. Dort saß er selten mit Intellektuellen zusammen, meist mit Arbeitern. Er trank nie mehr als ein Bier oder einen Wein, aber er führte Gespräche. Er konnte unglaublich erzählen. Er gewann unter diesen Suhler Arbeitern gute Freunde, auch einen Freund, der ihn später, als er todkrank wurde, für einen Tag aus dem Krankenhaus holte. Es heißt, in dessen Armen sei er gestorben.

ZEIT: Hatten auch Sie ihn im Lokal getroffen?

Scherzer: Ja, hin und wieder. Ich war auch oft bei ihm zu Hause. Da durfte man nur nichts anfassen, keinen Bleistift, kein Stück Papier. Alles lag so akkurat zusammen, man durfte die Ordnung um keinen Millimeter ändern! Wir haben uns aber gut verstanden. Das soll kein anmaßender Vergleich sein, aber ich glaube, ich war von der Mentalität her eher wie Brigitte Reimann; impulsiv. Siegfried war ruhiger. Manchmal zieht sich das eben an.

ZEIT: Wie oft erzählte er von Brigitte Reimann?

Scherzer: Es gab ja eine Zeit nach 1990, in der das Werk von Brigitte Reimann richtiggehend wiederentdeckt wurde, alle sprachen plötzlich von den Opponenten der DDR, und er wurde einer der profiliertesten Zeitzeugen. Als 2000 sein letztes Buch erschien, Elvis feiert Geburtstag, hielt er Lesungen, wurde oft nach ihr gefragt. Man kann sagen, dass er eine Betätigung gefunden hat als Chronist der Gemeinsamkeit zwischen sich und Brigitte Reimann.

ZEIT: Störte ihn diese Rolle?

Scherzer: In seinem Buch Verlustanzeige schreibt er, dass es nicht einfach für ihn ist, das zu akzeptieren. Dass er doch gerne für sich stehen würde. Aber Siegfried klagte nie.

ZEIT: Auch nicht darüber, dass sie ihn betrog.

Scherzer: Natürlich nicht, warum sollte er? Es gibt eben Männer und Frauen, die sich sehr oft bestätigen wollen, indem sie immer wieder einmal etwas Neues erleben. Ich halte das für eine Normalität. Ehrlich gesagt, finde ich ein bisschen anstrengend, dass es bei Reimann und Pitschmann jetzt immer darum geht, wer mit wem geschlafen hat und wie traurig dieser Pitschmann am Ende eigentlich war. Die beiden führten das ganz normale Leben. In der DDR haben nicht immer nur brav Ehemann und Ehefrau miteinander gevögelt, Herrgott noch mal! Ohne Liebesgeschichten wie diese gäbe es keine große Literatur. Ich will nicht über Brigitte Reimanns Liebesleben reden, sondern darüber, was Franziska Linkerhand für die DDR bedeutete.

ZEIT: Was hat Franziska Linkerhand für die DDR bedeutet?

Scherzer: Es war die genaue, fast reportagehaft authentische Darstellung der DDR-Wirklichkeit. Brigitte Reimann hat Realitäten so differenziert und kritisch beschrieben, dass die Leser sagten: Ja, so ist es. Und durch Literatur Mut zur Veränderung bekamen. Das war grandios.