Einkaufslisten sind Wunschzettel für Erwachsene: schwarze Oliven aus Spanien etwa, entsteint und mit Kräutern. Laktosefreier Joghurt im 150-Gramm-Becher. Vegetarische Mini-Frühlingsrollen mit Chili-Dip, Familienpackung in Bioqualität. Alles kein Problem, im Supermarkt werden sämtliche Wünsche erfüllt, in jeder Größe und Menge. Ob morgens um acht oder abends um sieben, ob in Flensburg oder Görlitz – das Zeug steht im Regal. Immer. Ausverkauft ist eine Vokabel, die man hierzulande nur noch selten hört.

Doch eben weil Lebensmittel jederzeit und in solcher Vielfalt verfügbar sind, wächst auch das Unbehagen. Wie kann das sein? Woher kommt, was zu dieser Jahreszeit oder in diesen Breitengraden überhaupt nicht wächst? Und warum kann jemand, der Produkte aus jedem Winkel der Welt verkauft, bisweilen kaum sagen, woher ihre Bestandteile stammen? Etwa bei der Durchfallepidemie vor zwei Jahren, als ganz Deutschland auf der Suche nach dem Ursprung der rätselhaften Ehec-Erreger war. Erst schienen sie mit Gurken aus Spanien ins Land gekommen zu sein, spät identifizierte man sie auf Sprossen aus Ägypten. Oder in diesem Frühjahr: Es dauerte Wochen, bis Fertiglasagne in ihre Bestandteile zerlegt worden war und feststand, an welcher Stelle nicht deklariertes Pferdefleisch in die Nahrungskette gelangt war.

Die Skepsis gegenüber Lebensmitteln speist sich aus solchen Skandalen. Sie wächst aber auch, weil Laien heute kaum nachvollziehen können, wie Lebensmittel produziert werden. Allzu oft bleibt Transparenz ein uneingelöstes Versprechen.

Die ZEIT wollte wissen, wie ernst es die Hersteller mit Transparenz wirklich meinen. Und stellte sie auf die Probe. Ganz konkret.

Objekt der Nachforschungen: eine Tiefkühlpizza, der Nachbar der Fertiglasagne im Kühlregal. 288.766 Tonnen essen die Deutschen davon pro Jahr, und der Markt ist noch lange nicht gesättigt. Umso drängender sind die Fragen: Was genau ist da drin? Woher stammen die Zutaten? Und wie findet man es heraus?

Die Suche nach den Ursprüngen der Pizza sollte so weit gehen wie möglich, notfalls bis zum letzten Salzkorn. Herausgekommen ist ein überaus komplexes Puzzle mit überraschenden Erkenntnissen. Die Pizza ist wahrhaftig ein Allerweltsgericht: Auf einem gewöhnlichen Exemplar mit Salami befinden sich Zutaten von fast allen Kontinenten – aus Südamerika ebenso wie vom nordwestlichen Zipfel der indonesischen Insel Bangka, etwas östlich von Sumatra. Man braucht Bäume und ein Sägewerk, um eine Pizza herzustellen. Und Kräuter aus Sachsen-Anhalt.

Aber der Reihe nach.

Zunächst verweigerte sich der Einzelhandel. Die großen Discounter verraten nicht einmal die Namen der Hersteller ihrer No-Name-Pizzen. Dr. Oetker, einer der großen Hersteller von Markenpizzen, will zunächst Auskunft geben, aber nicht ins Detail gehen. Schließlich erklärt sich Wagner bereit, ebenfalls eine Instanz im Geschäft.

280 Millionen Pizzen laufen bei Wagner jedes Jahr vom Band und landen in den Tiefkühltruhen der meisten Supermärkte. In den späten Sechzigern als Familienbetrieb gegründet, gehört Wagner seit einigen Jahren zu Nestlé, dem weltweit größten Lebensmittelkonzern mit Sitz in Vevey am Genfer See. In Deutschland und einigen Nachbarländern heißt Wagner immer noch Wagner, ansonsten werden die Pizzen unter dem Markennamen Buitoni verkauft. Sie sind Teil eines globalen und standardisierten Massengeschäfts, sehen überall gleich aus, schmecken überall gleich und sind fast überall verfügbar.

In seiner Werbung spricht Wagner viel von Offenheit und Transparenz. Aber wie tief lässt das Unternehmen die Öffentlichkeit schauen?

Die Recherche beginnt mit einem Code auf dem Pizzakarton

Die Fahrt zu Wagner geht nach Nonnweiler, 45 Autominuten nördlich von Saarbrücken. Im Gepäck: die Pappschachtel einer Steinofen-Salami-Pizza, gekauft und gegessen im Mai irgendwo in Hamburg. In Nonnweiler warten Werksleiter Klaus Riebel und Qualitätsmanager Oliver Thies.

Arbeiter passen auf, dass die Soße an der richtigen Stelle landet

Die Recherche beginnt mit einem Code. Er lautet L30827017F10647. Das ist die Chargennummer der in Hamburg gekauften Pizza. Sie wurde auf die Seite der Verpackung gedruckt und ist der Ausgangspunkt der Nachforschungen. Jeder kann diesen Code entziffern, wenn er die Methode kennt, mit der verschlüsselt wurde. Oliver Thies genügt dafür ein Blick. "Diese Pizza wurde am Samstag, dem 23. März 2013, um 6.47 Uhr produziert", sagt er.

Kühltransporter verlassen das Werk. Sie verteilen die Pizzen im Land oder bringen sie zu den Häfen, von wo aus sie teilweise bis nach Kanada verschifft werden. Ankommende Lastwagen bringen alles für die vier Grundzutaten: Teig, Soße, Käse und Salami. Daraus wird eine Pizza. Und in der Fabrik wird deutlich, wie das vor sich geht.

Man sieht dem Werk an, dass es über Jahrzehnte gewachsen ist und nicht am Stück geplant wurde. Hier ein Anbau, da ein Neubau, dazwischen eine Brücke. Alles ist verwinkelt, man kann sich verlaufen. In den Hallen arbeiten rund 1.400 Menschen rund um die Uhr in drei Schichten. Mehrere parallel laufende Produktionsstraßen fertigen Pizzen. Alles beginnt mit einem Teigklumpen, dessen wichtigster Bestandteil das Weizenmehl ist. Hinzu kommt eine Backmischung, die Wagner sich von einem externen Zulieferbetrieb herstellen lässt. Darin befindet sich auch Vollmilchpulver, "das gibt dem Teig eine milchig-aromatische Note und sorgt für eine schöne Bräunung", sagt Thies. Sojalecithin aus Brasilien soll das Fett mit dem Wasser verbinden. Woher Wagner seine Backmischung bezieht, will uns niemand verraten. "Know-how-Schutz", heißt es. Dieses Wort wird noch öfter fallen, allerdings nicht so oft wie erwartet.

Der Weizen für den Teig wurde in der Pfalzmühle Mannheim zu Mehl gemahlen, in der Mühlenstraße 1 im Industriegebiet nördlich des Stadtzentrums. Die Spur des Getreides lässt sich zurückverfolgen bis zu einem Acker am Ortsrand von Hochborn, einem Dorf mit 422 Einwohnern auf halbem Weg von Worms nach Alzey in Rheinland-Pfalz. Dort befindet sich das Feld, auf dem der Weizen stand.

Sobald der Teig in handgroßen Klumpen bei Wagner auf dem Fließband liegt, wird er platt gewalzt und verschwindet in einer Art Turm. Drinnen ist es schwülwarm, damit die Hefe gehen kann. Kommt er wieder zum Vorschein, führt ihn das Band unter einer Art großem Duschkopf hindurch, der rote Soße draufspritzt. Es wird kaum gekleckert, trotzdem stehen zahlreiche Arbeiter in Kittel und Haarnetz daneben und passen auf, dass die Soße an der richtigen Stelle landet.

Die Soße besteht hauptsächlich aus gehäckselten Schältomaten, die auf Feldern in der Emilia-Romagna und im Latium geerntet wurden – beides sind klassische italienische Anbaugebiete für Tomaten.

Bei Wagner werden die Schältomaten mit einer vorgefertigten Mischung aus Kräutern und Gewürzen vermengt. Diese haben teilweise eine sehr lange Reise hinter sich. Der Knoblauch beispielsweise kommt aus Shandong, einer chinesischen Provinz am Unterlauf des Gelben Flusses. Pfeffer und Chili stammen aus dem Ort Muntok an der Küste der indonesischen Insel Bangka. Und dann wären da noch Oregano aus der Türkei, Rosmarin aus dem Norden Marokkos, Basilikum aus dem Großraum Kairo. Der Thymian hingegen wächst in Aschersleben in Sachsen-Anhalt. Warum jedes einzelne Gewürz aus einem anderen Teil der Welt herangekarrt werden muss, verrät Wagner ebenso wenig wie den Namen des Zulieferers, der daraus die fertigen Mischungen herstellt. "Know-how-Schutz", heißt es nur. Die Firma komme aus Deutschland.

An der Käsestation liegt Edamer in zementsackgroßen Blöcken, mannshoch gestapelt. Absender ist der Milchkonzern Bayernland, Werk Bayreuth. Dort wurde dem Käse zuvor noch Betacarotin beigemengt – das verleiht ihm einen gelblichen Farbton, denn bleichen Edamer mögen die Verbraucher nicht. Sagt Wagner. Die Blöcke sind in blaue Plastikfolie eingeschweißt, Arbeiter schneiden sie auf, reißen sie herunter und werfen die Käseblöcke in einen Schredder. Der raspelt daraus kleine Schnipsel, die dann in einer Art Käse-Wasserfall auf das Pizza-Förderband herabregnen. Andere Arbeiter sortieren alles aus, was nicht gleichmäßig bestreut wurde. Dass die Plastikverpackung der Käseblöcke blau ist, sei sehr wichtig, erläutert Riebel, der Werksleiter. "Das ist eine Sicherheitsmaßnahme, falls einmal ein Stück Folie hängen bleiben sollte", sagt er. "Eine farblose würde womöglich nicht unmittelbar erkannt werden, aber die blaue sieht man sofort."

Zu Arbeitsbedingungen in den Verarbeitungsbetrieben ist keine Auskunft möglich

Die Milch für den Edamer liefern Bauern aus einem Umkreis von 200 Kilometern um Bayreuth. Zwei davon lassen sich identifizieren: Horst Schilling aus Eckersdorf und Hermann Rank aus Gefrees. Ihre Kühe haben die Milch für den Pizzakäse gegeben – Zutaten aus der Provinz für ein globales Produkt.

Und dann kommt die Salami. Meterware wird gebraucht, statt von Durchmessern spricht man von Kalibern. Und von Magazinen, in denen die Würste hochkant über der Fertigungsstraße stecken. Von unten trennen Klingen Scheiben in genormter Dicke ab. Ihre Fallhöhe und -dauer ist so berechnet, dass das unter ihnen durchsausende Fließband nicht bremsen muss und die Wurst trotzdem genau auf der Pizza landet. So wackeln die Würste vor sich hin, rutschen millimeterweise nach unten, bevor das Magazin leer ist und nachgeladen werden muss.

Die fertigen Pizzen durchlaufen schließlich einen doppelgaragengroßen Steinbackofen und einen Schockfroster, bevor sie von Robotern in einer beeindruckenden Geschwindigkeit in Kartons gepackt werden. Dann muss man bloß noch die Kühlkette beim Transport aufrechterhalten. Eigentlich alles ganz einfach.

Trotzdem wird es noch einmal kompliziert. Die Salami kauft Wagner bei Haas. Das ist ein Wurstproduzent, dessen Fabrik auch in Nonnweiler steht, gleich nebenan auf der anderen Straßenseite. Die beiden Unternehmen sind über die Jahre miteinander gewachsen: Der eine brauchte mehr Würste, der andere lieferte sie. So war das.

Von Wagner ist zunächst nur zu erfahren, dass die Salami aus Schweinefleisch, Speck, Salz, Natriumnitrat und einigen weiteren Zutaten besteht. Die Angaben bleiben vage. Aus Europa und den USA komme Maltodextrin, Gewürze kämen aus Deutschland, Thailand und China. Von dort beziehe man auch Ascorbinsäure, mit der unerwünschte chemische Reaktionen unterdrückt werden. Die Quellen der Hauptzutaten Speck und Schweinefleisch aber unterlägen dem "Know-how-Schutz", sagt Wagner. Ausgerechnet beim Fleisch, dem wohl heikelsten Bestandteil aller Lebensmittel, scheint die Transparenz zu enden. Mehr könne man nicht verraten, außer dass die Lieferanten aus Deutschland, Frankreich, Belgien, den Niederlanden und Dänemark kämen. Was nicht viel bedeuten muss: Vielleicht wurden die Tiere dort bloß geschlachtet, und ihr Stall stand ganz woanders. In der Nähe. Oder in einem fernen Land. Wer weiß das schon?

Wagner weiß es natürlich, schließlich ist das Unternehmen gesetzlich verpflichtet, seine Warenströme zu dokumentieren. Und am Ende erlaubt man den Wurstwerken Haas doch, mehr zu verraten.

So lässt sich auch diese Zutat zurückverfolgen. Haas produzierte die Salami aus Schweinehälften, die bei der Firma Vital-Fleisch in Speyer zerlegt wurden. Der dortige Geschäftsführer kennt wiederum die vorherigen Stationen, denn auch Vital-Fleisch hat die Tiere nicht geschlachtet. So führt die Suche schließlich zu Tummel. Die Firma betreibt eine großindustrielle Schlachtanlage in Schöppingen im westlichen Münsterland und kann nach eigenen Angaben bis zu 30.000 Schweine pro Woche töten. Tummel lieferte an Vital-Fleisch genau zwei Ladungen, die für die Recherche relevant sind: 753 Schweine am 5. Februar und weitere 486 Schweine zwei Tage später. Anhand spezieller Codenummern lassen sich die Heimatställe der Schweine ermitteln. Sie befinden sich in den Landkreisen Nordhorn, Emsland, Steinfurt, Borken, Coesfeld und Kleve.

Bei anderen Pizzen kann das ganz anders sein. Wagner nennt ausdrücklich auch andere Länder als Quellen seines Fleisches. Im Fall dieser einen, zufällig ausgewählten Pizza Nummer L30827017F10647 war die Salami mal ein Schwein aus dem Münsterland. Konventionell gehalten.

Die Salami wurde übrigens in echtem Buchenholzrauch geräuchert – und nicht etwa mit Flüssigrauch besprüht, was in der Lebensmittelbranche aus Kostengründen auch gern getan und meist verschwiegen wird. Die Buchen, die dafür gefällt und in einem Sägewerk auf das klassische Salamifabrikmaß von 80 mal 80 mal 1.000 Millimetern zurechtgeschnitten wurden, wuchsen im Westerwald und im Ostalbkreis. Falls mal jemand ganz genau wissen möchte, was er da eigentlich in seinen Backofen schiebt.

An dieser Stelle stößt die Spurensuche der Pizza-Zutaten dann aber doch an Grenzen. So sagt die Recherche nichts aus über die Bedingungen, unter denen die Schweine gemästet und geschlachtet wurden. Zu den Arbeitsbedingungen in den Verarbeitungsbetrieben ist keine Auskunft möglich. Auch nicht darüber, ob der Getreidebauer möglicherweise verbotene Pestizide auf seinen Weizen gesprüht oder der Tomatenlieferant in Italien illegale Einwanderer als Erntehelfer beschäftigt hat. Solche Fragen sind wichtig im Zusammenhang mit Lebensmitteln, bei dieser Suche waren sie aber ausdrücklich kein Bestandteil. Ebenso hätte man der Frage nachgehen können, ob ein Produkt mit rund 800 Kalorien ernsthaft als Teil einer gesunden Ernährung bezeichnet werden kann.

Eines belegt die Recherche allerdings: Man kann sehr viel über Lebensmittel herausfinden, wenn man es will und die entsprechenden Codenummern kennt. Transparenz und Rückverfolgbarkeit sind möglich, dank moderner Informationstechnik bis in den letzten Winkel der Erde. Wer sagt, er wisse etwas nicht, der lügt, ist schlecht organisiert oder kriminell.