Als vor fünf Jahren das Finanzsystem beinahe zusammengebrochen wäre und zockende Banken mit ehrlichen Steuermilliarden gerettet wurden, da gab es in der großen kapitalistischen Blamage einen strahlenden Sieger: den Staat. Er kam als Retter in der Not und hielt seine schützende Hand über den verängstigten Bürger. Wie gut, dass es den Staat gibt! Nach Jahren der gemeinen Staatsverachtung schlugen ihm Wogen der Sympathie entgegen, und wenn es, vierzig Jahre nach 1968, noch eines Beweises bedurft hätte für die Aussöhnung von Gesellschaft und Staat – hier war er.

Das ist Vergangenheit, denn mit dem Abhörskandal hat das Gemälde vom wohlmeinenden Staat Risse bekommen. Wenn der amerikanische Geheimdienst in Deutschland jeden Monat 60 Millionen Datensätze abgreifen konnte – was wusste die Regierung davon? Duldete sie, dass ausländische Dienste deutsche Grundrechte verletzen? Gab es gar, wie der Spiegel behauptet, einen "Pakt" zwischen NSA und Bundesnachrichtendienst?

Auch bei den Intellektuellen steht der Staat wieder unter Verdacht. Für den Erziehungswissenschaftler Micha Brumlik zum Beispiel beweist der Abhörexzess, dass westliche Demokratien "den Absolutismus nie völlig überwunden haben". Der Absolutismus, und das ist ein erstaunlicher Satz, "west als ›tiefer Staat‹, als immerwährende Möglichkeit westlicher Demokratien, geisterhaft fort" (taz vom 11. Juli 2013; vgl. auch Blätter für deutsche und internationale Politik 8/2013).

Solch eine Staatskritik hat man lange nicht mehr gehört, denn sie erinnert an Theoretiker, die die Behauptung von der Transparenz der liberalen Demokratie schon immer für eine Fabel hielten. Zu nennen ist hier der Philosoph Gilles Deleuze (1925 bis 1995), der den Begriff der "Kontrollgesellschaft" prägte; auch Michel Foucault (1926 bis 1984) erscheint nun als Analytiker der Stunde. Der französische Historiker, Soziologe und Literaturwissenschaftler war besessen von dem Gedanken, die moderne Gesellschaft sei dem Wahn allumfassender Sicherheit und panoptischer Kontrolle verfallen. Alle Freiheitsräume, die sie unter blutigen Opfern erkämpft habe, würden observiert, alle Regungen normiert und ausgesteuert. Im dunklen Inneren des liberalen Staates haust das alte Monster Macht und hat für Foucault nur ein Ziel: die Herrschaft über die menschliche Seele.

Natürlich, im demokratischen Lehrbuch steht das alles ganz anders. Im Lehrbuch steht, dass sich im liberalen Staat die Bürger auf der Grundlage ihrer Verfassung selbst die Gesetze geben. In der Lehrbuch-Demokratie gibt es nichts Unsichtbares, es gibt keinen "tiefen" Staat, der etwas weiß, was der Bürger nicht weiß. Von notwendigen Beratungsgeheimnissen abgesehen, ist der liberale Staat ein Hort der Transparenz; er hat nichts zu verbergen, und selbst seine Geheimdienste unterliegen lückenloser parlamentarischer Kontrolle. Der liberale Staat ist so transparent wie die Glaskuppel auf dem Berliner Reichstag.

Liberalismuskritiker haben dieser Idylle nie getraut. Für sie besitzt auch der liberale Staat – wie der König im Absolutismus – einen "doppelten Körper", einen sichtbaren und einen unsichtbaren. Der sichtbare Körper repräsentierte die weltliche Macht des Königs, während der unsichtbare Körper auf den Souverän im Himmel verwies, auf den allwissenden Gott.

Die Pointe ist ziemlich finster: Auch der liberale Staat hat zwei Körper. Mit dem sichtbaren repräsentiert er die Demokratie und die Herrschaft des Rechts; mit dem unsichtbaren Körper hält er Verbindung zum Allmächtigen – zum "göttlichen" Wissen der Sicherheitsapparate, zum Schattenreich der Observation und zum Arkanum der Daten.

Nach dem Überwachungsexzess dürfen sich die Liberalismuskritiker leider bestätigt fühlen. Der 11. September und die permanente Terrordrohung durch Al-Kaida haben den schlummernden "tiefen" Staat ans Licht gebracht, die Kontrollfantasie seiner Sicherheitsapparate, die beim Tracking und Targeting jede rechtliche Grenze als Hindernis betrachten. Geheimdienste fühlen sich als Hüter des Ausnahmezustands, sie sind Auguren im Ungewissen und können nie genug Daten fressen. Im Ungewissen ist alles potenziell verdächtig, und erst recht verdächtig ist der, der sich nicht verdächtig macht, denn er könnte ja ein Schläfer sein.