Auch wenn sich die Macht der Geheimdienste wieder einschränken ließe: Wahrhaft beunruhigend ist der Umstand, dass die amerikanische Datenkrake mit Netzgiganten wie Microsoft und Facebook kollaboriert, weil sie ohne Anlieferungen aus der Internetindustrie verhungern müsste. Diese schlagende Verbindung aus Staat und digitalem Imperium empfinden viele zu Recht als "Schock" (Ulrich Beck). Und in der Tat, das diskrete Bündnis aus Politik und Internet schürt die alte Angst vor der Kontrollgesellschaft, genauer: Es schürt die Angst davor, dass inmitten einer formal intakten Demokratie eine Gesellschaft neuen Typs entsteht. Diese Gesellschaft würde den Einzelnen nicht überwachen und ausspähen; sie würde ihn mit Haut und Haar vergesellschaften, mit all seinen Regungen, mit seinem ganzen Wünschen und Wollen.

Das Modell, das in dieser Kontrollgesellschaft zur Anwendung käme, heißt "soziale Kybernetik". Damit ist die Vorstellung gemeint, die Gesellschaft sei eine große Maschine, die sich, wenn man es nur geschickt genug anstellt, durch Datenerhebung und Informationstechniken steuern lässt. In einer solchen Maschine geht es nicht mehr um Argumente und Werte, um "Diskurs" oder öffentliche Willensbildung, das ist der alteuropäische Kitsch von gestern. Es geht darum, die einzelne Teile der Gesellschaftsmaschine störungsfrei miteinander zu verschalten, es geht um systemische Bestandserhaltung und Gleichgewichtszustände, um Prävention und Risikovermeidung. Der Einzelne ist darin eine Art Sonde, die dem System durch seine Datenemissionen die nötigen Informationen liefert, um Abläufe besser zu kontrollieren. Perfekt läuft die Maschine immer dann, wenn der Bürger genau das will, was er auch soll.

Mit Orwell hat das nichts zu tun, die kybernetische Gesellschaft ist kein Monster, man sieht sie kaum. Der Staat gleicht darin einer großen Firma, die die Stimmungslagen der Politikverbraucher abtastet und gelegentliche Widerstände durch neue Angebote aus der Welt schafft. Wählerstimmen werden mittels "Data-Mining" ausgekundschaftet, während die Wahl selbst wie eine Art Produkt-Test verläuft. Der Wähler wird als Konsument angesprochen, der die Freiheit hat, sich kostenlos von unterschiedlich designten Polit-Angeboten verführen zu lassen.

Beim kommerziellen Zielgruppen-Marketing klappt das heute schon hervorragend. Es liefert erschreckend genaue Ergebnisse, denn es kennt die Bedürfnisse des Bürgers, noch ehe dieser von ihnen weiß. Zugespitzt gesagt: Zielgruppen-Marketing ist die neue unsichtbare Hand des Kapitalismus und erzeugt im Verbraucher für jedes neue Produkt den dazu passenden Wunsch.

Dass dem Auge von Big Data dabei nichts entgeht, dafür sorgt heute schon das Smartphone. Dieses Gerät, schreibt der Soziologe Zygmunt Bauman in seinem eben erschienenen Interviewbuch Daten, Drohnen, Disziplin (Suhrkamp Verlag), ist das Mini-Panoptikum der Kontrollgesellschaft. "Freiwillig" gibt der Benutzer seine Daten preis, denn ohne so ein Gerät fände er sich gar nicht mehr zurecht. Die Bürger müssen es benutzen, um "sich selbst in gebrauchsfähigem Zustand zu erhalten und ihren störungsfreien Betrieb zu gewährleisten".

Tatsächlich ist in einer Gesellschaft der rationalen Egoisten, die ihre Lebensrisiken eigenverantwortlich managen müssen, die Internetindustrie unverzichtbar. Wer ihr freigiebig Daten opfert, den unterstützt sie bei der Optimierung des eigenen Humankapitals und gibt Tipps für die persönliche Performance. Denkbar ist, dass beim Gesundheits-Check eines Tages Miniuhren die aktuellen Körperwerte mit dem Gen-Schicksal ihres Besitzers korrelieren, die verbleibende Lebenslaufzeit berechnen ("Qualified Self", ZEIT Nr. 8/13) und die Daten an die Krankenkasse senden, was diese mit einem Bonus belohnt. Alles ist freiwillig und verlängert das Leben. Aber was heißt dann noch "Leben"? Oder "Freiheit"?

Angenommen, man könnte diese Kontrollgesellschaft aus dem Weltraum betrachten, dann sähe man einen schönen blauen Planeten, umkreist von einem riesigen Geschwader aus Überwachungssatelliten. Auf der Erde fänden sich hier und da hässliche schwarze Flecken, all die Server und Datenfarmen. Staaten spionieren Staaten aus, und alle beobachten sich dabei, wie sie einander beobachten. Dazwischen beobachtet sich das winzige Subjekt und fühlt sich schuldig. "Bin ich normal? Bin ich gut genug? Wie kann ich mich verbessern?" Klar, so ein Mensch darf sich jederzeit über sein Leben beschweren. Er kann eine Servicehotline anrufen, die ihn dann gern mit dem nächsten freien Mitarbeiter verbindet.