Du glückliches Australien! Im Jahr 1975 reisen die Klassik-Enthusiasten der Insel an die Westküste, nach Perth. Dort führt ein durchgeknalltes Genie aus Polen an neun Tagen alle 27 Klavierkonzerte Wolfgang Amadeus Mozarts auf – auswendig. Gelernt habe der Mann die Werke, so geht die Legende, durch einmaliges Durchspielen, er besitze ein fotografisches Gedächtnis. Und noch mehr erzählt man sich von dem offenbar sehr merkwürdigen André Tchaikowsky: Die Protektion seines legendären Landsmanns Arthur Rubinstein habe er barsch ausgeschlagen, und falls ein Publikum nicht laut genug applaudiere, dann pflege er zur Strafe Bachs Goldberg-Variationen als Zugabe zu spielen – komplett.

Ein unglücklicher Mensch, dieser Robert Andrzej Krauthammer. Der Mutterboden seines Lebens mit einer schier maßlosen Begabung (mit drei Jahren kann er Polnisch, Deutsch und Russisch lesen, mit vier Jahren beginnt er mit dem Klavierspiel) liegt in trostlosem Gebiet – im Warschauer Ghetto. Von dort flieht er 1942 als Siebenjähriger mit der Großmutter, in abenteuerlicher Verkleidung und mit gefälschten Papieren, und heißt fortan André Tchaikowsky. Diesen Namen hasst der junge Pole, eine doppelte Bürde scheint er ihm, doch irgendwie wirft der berühmte russische Nachnamensvetter auch Licht auf ihn. Nach dem Weltkrieg studiert Krauthammer/Tchaikowsky Klavier, erringt vordere Plätze beim Warschauer Chopin-Wettbewerb und beim Concours Reine Elisabeth in Brüssel, doch die Pianistenkarriere reicht ihm nicht – zeitlebens empfindet er sich vor allem als Komponist. Nicht viele Werke hinterlässt Tchaikowsky, der bis zu seinem Krebstod im Jahr 1982 in Oxford lebt, kaum einer kennt sie, und sein geheimes Hauptwerk bleibt ungespielt: die Oper Der Kaufmann von Venedig nach William Shakespeare, entstanden in den siebziger und achtziger Jahren. Jetzt kommt sie bei den Bregenzer Festspielen zu späten Uraufführungsehren.

Bereits nach wenigen Minuten erinnert man sich an die Sache mit dem fotografischen Gedächtnis. Diese Oper klingt wunderbar brillant, leichtfüßig, der komödiantische Gestus kommt bei den Wiener Symphonikern unter Leitung des Klangbastlers Erik Nielsen bestens heraus, die Kontrabässe haben kaum lang gestrichene Noten, die Holzbläser schäkern, die Violinen zwitschern, es handelt sich um das perfekte Parlando – mit zielbewussten Ausfallschritten in Richtung Alban Bergs Lulu, Igor Strawinskys Rake’s Progress und Benjamin Brittens Death in Venice. In den Landpartien des Stücks schreibt Tschaikowsky lyrisch und pastoral, die Gerichtsszene legt er ätzend an, als bediene er sich bei Schostakowitsch. Der Gedanke, dass es sich um eine Musik aus zweiter Hand handelt, wird durch zahlreiche Zitate genährt. Wörtlich gibt es Entlehnungen aus Ludwig van Beethovens Fidelio, aus Wagners Rheingold (Fluch-Motiv des Alberich) und der vierten Sinfonie eines gewissen Peter Tschaikowsky. So groß kann der Hass also nicht gewesen sein.

Die Inszenierung im Bregenzer Festspielhaus besorgt Keith Warner, der im Handeln des Juden Shylock (eindrucksvoll intensiv: Adrian Eröd) überaus edle Motive erkennt, die immanente Schuldfrage des Werks mit ihrer unlösbaren Religionsproblematik in der Schwebe hält und ansonsten mit virtuos wechselnden Szenen für Brillanz auf der Bühne sorgt. Zentraler Blickfang sind zwei riesige Wände mit Bankschließfächern; genial ist das Labyrinth im Belmont-Akt, in dem drei Banktresore als Stellvertreter der drei Kästchen herhalten – und einer der drei Tresore fungiert am Ende, nach hinten gekippt, als Sarg für Shylock.

Die wunderliche Story wird im vierten Akt durch die schon im Original etwas längliche Treuedebatte unbotmäßig ausgedehnt. Wenigstens kriegt der Regisseur zum Finale die dramaturgische Kurve und lässt den Kaufmann Antonio (bei Tchaikowsky ein Countertenor) wieder auf die Therapeutencouch zurückkehren. Auf ihr hat er schon zu Beginn in Gegenwart eines unschwer als Double von Sigmund Freud erkennbaren Herrn gelegen.