DIE ZEIT:Ägypten wird dieser Tage wieder von massiven Protesten erschüttert, die Übergangsregierung setzt Panzer ein. Ist das verhältnismäßig?

Mohammed Abulghar: Ich möchte deutlich sagen, dass ich gegen jegliche Anwendung von Gewalt bin. Aber einige Muslimbrüder setzen Waffen ein. Wenn jemand angreift, muss man sich verteidigen. In Deutschland macht der Staat es genauso, auf Gewalt folgt staatliche Gegengewalt.

ZEIT: In den meisten ägyptischen Medien werden Muslimbrüder pauschal als Terroristen bezeichnet.

Abulghar: Das stimmt so nicht. Die Muslimbrüder sind nicht per se Terroristen. Aber ihr Image ist schlecht, da Islamisten der ganzen Welt bewiesen haben, dass sie auch gewalttätig sein können.

ZEIT: Verteidigungsminister Abdel Fatah al-Sissi hat die Ägypter aufgerufen, auf die Straße zu gehen, um so "Legitimität im Kampf gegen den Terror" zu erhalten. Viele Politiker des Westens befürchten, dass Ägypten in eine Militärdiktatur gleiten könnte.

Abulghar: Ich teile diese Ängste. Das würden die Ägypter aber nie zulassen. Nach der Revolution vom 25. Januar 2011 kann es gar nicht mehr passieren, dass wir eine Militärdiktatur bekommen.

ZEIT: Die aktuelle Übergangsverfassung überlässt dem Militär unbegrenzte Kompetenzen. Diese Woche wurden Sicherheitsbefugnisse explizit an die Militärführung abgegeben.

Abulghar: Das Szenario einer Militärdiktatur ist theoretisch möglich, empirisch aber auszuschließen. Das Militär hat schon einmal versucht, direkt zu regieren, nachdem Hosni Mubarak abgesetzt wurde, und die Ägypter haben schon damals gezeigt, dass sie nicht damit einverstanden sind. Auch das Militär lernt dazu.

ZEIT: Ist es aus Ihrer Sicht rechtens, dass Mohammed Mursi in Untersuchungshaft sitzt?

Abulghar: Unsere Justiz ist vollkommen unabhängig und weiß schon, was sie tut.

ZEIT: Es ist bekannt, dass viele Richter erbitterte Gegner der Muslimbrüder sind. Nutzen sie die Gelegenheit, um sich zu rächen?

Abulghar: Ich kenne mich im Fall Mursi nicht wirklich aus. Achtzig Prozent der ägyptischen Justiz sind unabhängig und gerecht, zehn Prozent sind selbst Muslimbrüder, die restlichen zehn Prozent gehören zum alten Mubarak-Regime. Diese beiden Minderheiten sind nicht relevant, die dürfen sowieso nicht über solche delikaten Prozesse entscheiden. Hätten wir keine unabhängige Justiz, würde Mubarak schon längst hängen.

ZEIT: Sie als Teil der Übergangsregierung ...

Abulghar: ... wir sind nicht Teil der Übergangsregierung, es sitzen nur zwei unserer Parteimitglieder am Kabinettstisch, als Experten.

ZEIT: Ihre Partei ist aber ein wichtiger Bestandteil der Nationalen Heilsfront rund um Vizepräsident Mohamed ElBaradei. Sie haben zu den Protesten am 30. Juni aufgerufen. Das ganze vergangene Jahr haben Sie den Dialog mit den Muslimbrüdern verweigert.

Abulghar: Wir haben den Dialog damals nicht verweigert. Aber Mursi wollte sich zu einem Gott machen, nicht er war der Präsident, sondern seine Bruderschaft wollte Ägypten regieren. Als wir das erkannt haben, standen wir zu unserem Prinzip: keine Verhandlungen mit Diktatoren.

ZEIT: Jetzt wollen Sie aber, dass die Muslimbrüder mit Ihnen verhandeln.

Abulghar: Wir fordern die Muslimbruderschaft auf, nicht die politische Bühne zu verlassen. Ohne sie kriegen wir keine Demokratie hin. Wir versuchen unser Bestes, sie davon zu überzeugen, aber in diesen Tagen sind die Muslimbrüder leider psychologisch gar nicht in der Lage zu verhandeln.

ZEIT: Wie meinen Sie das?

Abulghar: Im Moment wird sehr viel Druck auf sie ausgeübt. Die USA und die EU drängen sie zu Verhandlungen. Sie brauchen vielleicht noch ein bisschen mehr Zeit. Nur die Muslimbrüder können die Krise lösen. Wir müssen ihnen dabei das Leben etwas leichter machen.

ZEIT: Aber viele liberale Politiker können die Islamisten nicht leiden.

Abulghar: Sie mögen uns nicht, wir mögen sie nicht. Uns trennen Welten. Sie denken, dass wir gottlose, ungläubige Nichtsnutze sind, die von der religiösen Mehrheit nicht gemocht werden. Wir denken, dass sie Steinzeitmenschen sind, die nichts von moderner Politik verstehen und uns am liebsten wieder ins sechste Jahrhundert nach Christus zurückversetzen wollen.

ZEIT: Seit einem Monat können wir eine Gewalt in Ägypten beobachten, die uns an die Lage Algeriens Anfang der neunziger Jahre erinnert.

Abulghar: Ägypten ist nicht Algerien.

ZEIT: Was macht Sie so sicher?

Abulghar: Die ägyptische Gesellschaft ist ganz anders gestrickt. Ägypten liegt auch an einem ganz anderen strategischen Flecken unserer Erde. Wir haben eine andere Kultur, einen anderen Bildungsstand, verglichen mit Algerien. Bürgerkrieg ist ausgeschlossen, das wird nie passieren.