Binnen weniger Tage kann die Menschenrechtsbewegung heute Proteste gegen verbrecherische Regimes mobilisieren – ein großer Erfolg. Im harten Wettbewerb um mediale Aufmerksamkeit allerdings werden Ausmaß und Wirksamkeit der Empörung immer mehr von den Regeln der emotionalen Identifikation bestimmt: Wer gejagt und gefoltert wird, muss per se zu den Guten gehören – soll heißen, zu denen, die so sind wie wir. Oder wie wir uns gern sehen: demokratisch, weltoffen, säkular, tolerant. Entpuppt sich der Verfolgte als politisch oder religiös verbohrt oder gar als militant, verlieren Menschenrechte derzeit bedenklich schnell ihre absolute Gültigkeit.

Dass die Machtinteressen in der Region offenbar werden, ist gut

Vorige Woche hat diese Zeitung den antidemokratischen Gestus mancher ägyptischer Liberaler behandelt, die voller Verachtung und Angst dem "ungebildeten Wählervolk" der Muslimbrüder am liebsten das Wahlrecht entziehen würden. Seit dem vergangenen Wochenende ist klar, dass die Front der Mursi-Gegner nicht einmal das Recht auf Leben für absolut hält, wenn es um die Islamisten geht. Was die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch sowie zahlreiche Journalisten in Kairo dokumentiert haben, war keine Straßenschlacht zwischen Sicherheitskräften und Demonstranten. Es war ein Massaker, dem vermutlich über 80 Menschen zum Opfer fielen. Anders als beim ersten Blutbad Anfang Juli, als über 50 Muslimbrüder bei einem Marsch zum Hauptquartier der Republikanischen Garden getötet wurden, waren diesmal offenbar vor allem Scharfschützen am Werk. Wer weiter für Mursi auf die Straße geht, so lautet die Botschaft der Sicherheitskräfte, riskiert eine Kugel in den Kopf.

Der teils unverhohlene Beifall liberaler Gruppierungen, die noch vor wenigen Monaten gegen Mursis autoritäre Anmaßungen auf die Barrikaden gestiegen waren, ist erschreckend. So manche Reaktionen der internationalen Staatengemeinschaft wie auch westlicher Medien, die von "tough measures" oder einer "harten Hand" sprachen, sind es auch.

Es geht nicht darum, reflexhaft einen Aufschrei der Empörung einzufordern. Wahrscheinlich ist es sogar ganz lehrreich, dass nach Mursis Sturz die geopolitischen Wirren, Machtinteressen und Zwickmühlen in der Region endgültig offenliegen: Saudi-Arabien und Kuwait, die arabischen Partner des Westens mit starker Furcht vor den Muslimbrüdern, haben die Wiederkehr der "eisernen Faust" in Kairo umgehend mit ein paar Milliarden Dollar Direkthilfe belohnt. Katar, einst selbst erklärter Sponsor des Arabischen Frühlings (solange er nicht in Katar stattfand) und Schatzmeister der Muslimbrüder in der Region, ist gedemütigt und ratlos. Die Vereinigten Staaten wollen den Putsch der ägyptischen Armee partout nicht so nennen, weil sie dann ihre Militärhilfe in Höhe von jährlich 1,3 Milliarden Dollar aussetzen müssten und ihren maßgeblichen Einfluss auf die Armeeführung verlieren könnten. Und in Moskau freut sich wahrscheinlich Wladimir Putin, weil der Westen, wenn schon nicht in Syrien, vielleicht endlich in Ägypten begreift, dass die arabischen Revolutionen einfach nicht funktionieren.

Das alles kann man zum Anlass nehmen, angewidert vom Zynismus der Realpolitik der chaotischen arabischen Welt den Rücken zu kehren. Aber gerade jetzt wird Realpolitik in einem ganz anderen, menschenrechtlichen Sinn erst interessant. Und zwar vor allem für Europa.

Absorbiert von der Finanzkrise und dem Umbau ihres außenpolitischen Apparates, hatte es die EU unmittelbar nach dem Sturz der Diktaturen in Tunesien, Ägypten und Libyen verpasst, eine ökonomische und politische Strategie für diese Nachbarregion zu entwerfen. Jetzt tritt sie ganz zaghaft in Ägypten wieder auf den Plan – ausgerechnet in Gestalt der viel gescholtenen Außenbeauftragten Catherine Ashton, die es geschafft hat, mit den Konfliktparteien zu reden. Auch mit dem inhaftierten Mohammed Mursi. Dass Ashton von der Übergangsregierung in Kairo eingeladen wurde, ist offenbar ein Zeichen, dass einige ihrer Mitglieder den Kurs der Militärführung nicht mittragen wollen. Das war seit Wochen der erste Schritt der Deeskalation – nicht mehr, aber auch nicht weniger.

Es ist völlig unklar, ob es weitere Schritte geben wird. Aber es lässt sich einiges darüber sagen, wie sie aussehen könnten: Die Aussetzung aller Demonstrationen wäre ein Anfang, ebenso die Zusage der Übergangsregierung, das Blutbad vom vergangenen Samstag von einer unabhängigen Kommission untersuchen zu lassen. Diese beiden Maßnahmen wären schon kühn genug. Völlig verwegen erscheint die Vorstellung, Ägyptens Militärführung dazu zu bringen, die Denunziation der Muslimbrüder als "Terroristen" zurückzunehmen. Aber fordern müssen es Ashton wie auch die Obama-Administration in ihren diplomatischen Gesprächen.

Das allein muss noch nicht viel bringen. Aber es kann etwas bewirken, wenn sich in Ägypten selbst Teile der einflussreichen Unternehmerschaft und der säkularen Mittelschicht aus ihrer Hypnose durch ein vermeintlich vaterlandrettendes Militär befreien. In Ägypten geht es weniger um den Kampf zwischen "den Religiösen" und "dem Staat" als um die Frage, ob dieser Staat irgendwann einmal zu einem Garanten des politischen und sozialen Gemeinwohls werden will. Und da ist Ägyptens Armee mit ihrem Wirtschaftsimperium nicht Teil der Lösung, sondern Teil des Problems.

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