Mindestlöhne galten in Deutschland lange als Tabu. Inzwischen machen sich alle fünf im Bundestag vertretenen Parteien für Lohnuntergrenzen stark. Sogar die FDP gibt sich nun gewandelt. Unter dem neuen Parteichef Philipp Rösler gilt: "Wir wollen keine Geschäftsmodelle, die auf drei Euro Stundenlohn aufbauen."

Nicht alle spenden Applaus. "Gesetzliche Mindestlöhne gefährden Arbeitsplätze", warnt die Bundesvereinigung der deutschen Arbeitgeberverbände (BDA). Besonders die Geringqualifizierten bekämen dann große Schwierigkeiten auf dem Arbeitsmarkt, prophezeit der Deutsche Industrie- und Handelskammertag.

Wer also hat recht? Sind Mindestlöhne eine soziale Wohltat oder ein schädlicher Eingriff in den Markt, der Arbeitsplätze kostet?

Die Mindestlohn-Gegner argumentieren neoklassisch: Danach entspricht der Lohn eines Arbeiters immer genau seiner Produktivität. Läge der Lohn darunter, würde der Arbeiter zur Konkurrenz abwandern, läge er darüber, schriebe das Unternehmen mit ihm Verluste. Bei einem gesetzlichen Mindestlohn unterhalb der Produktivität würde das Unternehmen den zu teuren Mitarbeiter früher oder später entlassen. Es gingen Arbeitsplätze verloren.

Der Haken: Der Arbeitsmarkt ist viel intransparenter als im neoklassischen Standardmodell. Selten weiß ein Arbeitnehmer, ob er bei der Konkurrenz mehr oder weniger verdienen würde. Zudem gibt es in einigen Branchen und Regionen deutlich mehr potenzielle Arbeitskräfte als offene Stellen. Wenn dann auch noch ein einzelnes Unternehmen über besondere Marktmacht verfügt, kann es die Löhne unter die Produktivitätsgrenze drücken. Mit diesem Fall der unvollkommenen Konkurrenz beschäftigt sich die Monopson-Theorie. Ein Modell, das in den dreißiger-Jahren von der britischen Wirtschaftswissenschaftlerin Joan Robinson entwickelt wurde. Übertragen auf den Arbeitsmarkt, gibt es im Monopson nur ein Unternehmen, das Arbeit nachfragt. Ein Monopson ist eine Art Nachfragemonopol. Die bezahlten Löhne liegen unterhalb der Produktivität. Die Arbeiter können das akzeptieren oder sich arbeitslos melden.

Folge: Zum angebotenen Lohn wollen weniger Menschen arbeiten als in einer Welt mit perfektem Wettbewerb. In einer solchen Konstellation könnte ein staatlicher Mindestlohn sogar zu mehr Beschäftigung führen: Mehr Menschen wären bereit, für den nun höheren Lohn zu arbeiten. Und das Unternehmen wird sie immer weiter einstellen. Solange der Mindestlohn unter der Produktivität liegt, bringt jede neue Arbeitskraft mehr, als sie kostet.

Ob ein Mindestlohn hilft oder schadet, hängt wesentlich von seiner Höhe ab. Mit pauschalen 10,50 Euro pro Stunde setzt die Linke am höchsten an, SPD und Grüne wollen 8,50 Euro. Anders CDU und FDP. Die Union will nur dort eine einheitliche Lohnuntergrenze einführen, wo es bisher keine Tarifverträge gibt, die FDP nur für einzelne Branchen und Regionen.

Ökonomen werden wortkarg, wenn sie prognostizieren sollen, wie sich die einzelnen Modelle auf den Arbeitsmarkt auswirken würden. Die Kernfrage: Sitzen einzelne Arbeitgeber wirklich am längeren Hebel? "Es gibt keine belastbaren Daten, um pauschal zu sagen, wie groß die Marktmacht der Unternehmen in Deutschland ist", sagt Joachim Möller, Direktor des Nürnberger Instituts für Arbeitsmarkt und Berufsforschung. Mindestlöhne sind also ein Experiment mit ungewissem Ausgang.