Wie man den Weltgeist vom Kopf auf die Füße stellt, hatten die russischen Revolutionäre schon bewiesen. Den Schwindel, der damit einherging, sollten die Ingenieure der neuen Gesellschaftsordnung beheben. Dass man aber nicht nur das Bewusstsein der Menschen, sondern jedes noch so kleine Teilchen umpolen musste, schienen nur die Künstler zu ahnen. Alexander Rodtschenko (1891 bis 1956) machte es sich zur Aufgabe, die Elemente der Tafelmalerei aus ihrer servilen Rolle zu befreien, um die Energie, die in ihnen selbst steckt, zu entfesseln. Im Hamburger Bucerius Kunst Forum sind derzeit seine Werke aus den ersten Revolutionsjahren zu sehen.

Während es seinem Kollegen Wassily Kandinsky um die poetisch-synästhetischen Valeurs von Formen, Linien und Farben ging, wurde Rodtschenko von der Analogie abstrakter Malerei zu den Entdeckungen in der Atomphysik und Quantenmechanik, zu Radioaktivität und Telegrafie angetrieben. Er verabsolutierte die Farbe auf monochromen Tafeln und öffnete die Linie, die sich nicht länger der Zentralperspektive und dem illusionistischen Umriss von Körpern unterwerfen sollte. Es ging ihm ums Potenzial, das im Rückgang aufs Allereinfachste steckt.

Rodtschenkos Gemälde bestechen durch ihre meditative Balance; selbst eckige Flächen, die politische Assoziationen von Bruch, Fragmentierung und naturwidriger Aggression wachrufen mögen, werden durch raffinierten Farbgebrauch zum Schweben gebracht. Man kann die Welt auf einen Stecknadelkopf stellen, scheint sein Kosmos der in sich selbst ruhenden Elemente zu sagen.

Wer hier Mystik wittert, liegt nicht ganz falsch. Nicht nur die vorrevolutionären Biokosmisten trafen sich in ihren Visionen vom Redesign menschlicher Zellen mit christlichen Auferstehungshoffnungen. Auch in Rodtschenkos Konstruktionen entdeckt der Katalogbeitrag von Hubertus Gaßner verblüffende Farb- und Formaffinitäten zur Ikonenmalerei. Was man dem Maler dann als Formalismus vorwarf, war die Suche nach einem alles umfassenden Gleichgewicht, einer Kybernetik, der nichts zum Opfer fiele.

Die naive Heiterkeit des Resultats knüpft gleichermaßen an die Folgen des L’art pour l’art wie an die Transfigurationsverheißung der Ikonen an. Mit jedem seiner losgelösten, dem Ornament verwandten Bilder erfüllte er sich einen Traum, der ihm 1912 bei einem Schauflug gekommen sein mochte. "Ich dachte, jetzt hast du alles über unsere dreckige, banale Erde vergessen", notierte er in seinem Tagebuch, "oder etwa nicht?"

"Rodtschenko. Eine neue Zeit" bis zum 15. September (www.buceriuskunstforum.de)