Vieles in diesem Buch ist vollkommen absurd und wunderbar. Die englische Exzentrik hat auf der Britischen Insel ein perfekt abgeschottetes Territorium, dort gedeihen goldbestäubte Primeln als Hobby von Bergarbeitern oder, als schlechter Scherz übermütiger Eton Boys, gifttriefende Finanzpapierpakete. In dieses Tableau passt die Autobiografie der Autorin und Bürgerrechtsaktivistin Jessica Mitford, Mitford wie Mitford Girls! Sechs Mädchen (und ein Bruder, der keine Rolle spielt). Blaublütig. Bisschen faschistisch. Eine Zeitungsschlagzeile mit "Tochter aus dem Hochadel" verwies zwischen den beiden Weltkriegen unfehlbar auf eines der Mitford Girls, von denen einige besonders schön, glamourös und klug waren.

Jessica wurde 1916 auf einem hässlichen Landsitz geboren, den ihr Vater, der Jähzornige, in die lieblichen Hügel der Cotswolds geklotzt hatte. Man lebte wie "ein isolierter Eingeborenenstamm", mit Schlange und Hausziege, natürlich Hunden. Zum Frühstück Hirn! Als Lektüre ist das ein großer Spaß, für Jessica ist es eine Erlösung, als Esmond, ein Neffe Churchills, auftaucht, ein Kämpfer gegen Franco. Die beiden brennen durch. Jetzt ist Jessica das rote Schaf der Mitfords, anders als Schwester Unity, die ein Hitler-Groupie ist, oder Diana, die den Nazi Oswald Mosley heiratet. Man lebt in Amerika, ein Drittel des Buches ist dortigen, von Geldmangel genährten, wilden Abenteuern gewidmet. Dann ist der Spaß vorbei. Krieg!

Unity schießt sich eine Kugel in den Kopf. Esmond, nun bei der Royal Canadian Air Force, stirbt 1941 über der Nordsee. Und Jessica, die 1996 mit 78 Jahren starb, fragt sich und uns wo er blieb, der Übermut der Upperclass, diese trügerische Illusion, man könne "die ganze Welt aufs Kreuz legen".